Horst Rapp, Schnellertsbericht 1986, S. 30-35.

In keinem Planum sind sie bisher ausgeblieben, in allen Bereichen hat man sie entdeckt, direkt unter der heutigen Oberfläche, im Mauerversturz, über und unter dem ehemaligen Lehmestrich, ja sogar in den Fundamentbereichen der Ringmauer: die bisher kaum beachteten und als weniger wichtig zur Seite gelegten knöchernen Streufunde.

Sicherlich sind die von Menschenhand geschaffenen Objekte viel aufschlußreicher als die größtenteils zerstückelten Küchenabfälle, aber sie füllen doch die eine oder andere Lücke in unserem Puzzle, welches nur als Einheit ein einigermaßen realistisches Bild von der Schnellertsburg und der Lebensweise ihrer Bewohner zu entwerfen vermag.

Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Skelettteile ist auffallend, daß relativ viele Röhrenknochen glatte Schnittflächen zeigen. Diese Spuren verweisen auf das Küchenpersonal, das nur so das zentrale Mark herauslösen konnte, um den Speisezettel zu bereichern.

Kamm aus Oberschenkelknochen (Hirsch oder Schwein)

Kamm aus Oberschenkelknochen (Hirsch oder Schwein)

Daß sich aber nicht nur Küchenchefs der Knochensäge bedienten, zeigt der 1982 gefundene Kamm. Dieser ist aus dem oberen Teil eines Oberschenkelknochens hergestellt, seine Herkunft dürfte Schwein oder Rothirsch sein. Bei einem Anstellwinkel von ca. 30° sind die 15 Zinken herausgearbeitet, wobei die Schnittbreite weit unter 1 mm liegt. Ob dieser Gegenstand auf der Burg hergestellt oder eingehandelt wurde, bleibt zunächst offen. Auch ein weiteres, 1984 gefundenes Kammbruchstück, das in Form, Größe und Schnittführung dem Vorbild gleicht, deutet lediglich auf den gleichen Hersteller hin. Daß aber geschickte Handwerker, die zu solchen Arbeiten fähig waren, auf der Burg lebten, belegt das 1934 gefundene, einstmals verworfene Abfallstück aus einer starken Rothirschstange.

Teil der Rothirschstange

Teil der Rothirschstange

Dem erlegten Tier wurde das Geweih mitsamt den zum Schädel gehörigen knöchernen Rosenstöcken abgeschlagen. Wie die Bearbeitungsspuren zeigen, hat man nun aus dem starken basalen Bereich ein zur weiteren Verarbeitung geeignetes Teil herausgesägt. Auch ein solcher „Stangenrohling“ konnte 1984 sichergestellt werden.

Aus einem so vorbereiteten Stück ist dann auch der Griff des 1985 gefundenen Aufbruchmessers hergestellt. An den Kanten des durchbohrten, verzierten und poliertem Geweihknochens ist noch deutlich die Zahnung der feinen Säge erkennbar.

Nicht nur die massiven Teile von Geweihstangen wurden an Gebrauchsgegenständen verarbeitet, auch die Seitensprosse wurden verwertet. So kam 1984 eine glatt abgetrennte, polierte Verzweigung aus dem unteren Stangenbereich einem von der Trophäe her schwächeren Hirsches zutage. Die ca. 3 cm tiefe, kegelförmige Einbohrung weist auf die Verwendung als Griffstück hin; der dazugehörige Gegenstand konnte leider nicht gefunden werden.

Polierte Verzweigung aus dem unteren Stangenbereich (Rothirsch)

Polierte Verzweigung aus dem unteren Stangenbereich (Rothirsch)

Selbst kleinste Abfälle aus der Verarbeitung von Stangen fanden noch eine Verwendung, wie die 1977 als Bruchstück und 1983 als Ganzes gefundenen Spielwürfel zeigen.

Diesen wenigen bearbeiteten beinernen Gegenständen liegt nun eine Fülle von Skelettteilen gegenüber, die fast ausnahmslos als Bruchstücke vorliegen. Zudem finden sich von jeder Spezies Relikte aus allen Altersstufen. Wollte man nun jedes Knochenfragment eindeutig katalogisieren, so wären aufwendige wissenschaftliche Analysen unumgänglich. Hier kann und soll nur eine Grobeinteilung erfolgen, die sich im wesentlichen auf markante, charakteristische Skelettteile stützt. Hierzu zählen z.B. Teile der Schädel, insbesondere Partien von Ober- und Unterkiefern. Sie sind in hervorragender Weise geeignet, eine Tierart zu bestimmen. Aufgrund der Unterschiede in Milch- und Dauergebiß und des Abschliffs läßt sich sogar das Alter festlegen. Auch größere Stücke aus Wirbelsäulen- und Extremitätenbereich sind durch Vergleich noch einigermaßen einzuordnen. Von den vielen Kleinfunden dagegen lassen sich nur noch die hohlen Vogelknochen mit Sicherheit herauslesen.

Im folgenden sind nun die charakteristischen Skelettteile aufgelistet und der entsprechenden Tierart zugeordnet, die zwischen 1975 und 1978 im Bereich der Nord-West-Maurer sichergestellt werden konnten:

(a) : älteres Tier      (j) : jüngeres Tier

  • 1 Unterkiefer (a)                                         Reh
  • 1 Schulterblatt

  • 1 Unterkiefer (a)                       Rothirsch
  • 5 Unterkiefer (j)
  • 1 Unterkiefer (j) (Kalb)
  • 2 Oberkiefer (a)
  • verschiedene Schädelplatten
  • verschiedene Zähne

  • 2 Unterkiefer (a)                       Schwein
  • 1 Unterkiefer (j)
  • 2 Oberkiefer (a)
  • 3 Oberkiefer (j)
  • viele Rippen
  • viele Einzelzähne

  • 1 Oberschädel (a)                 größerer Hund

Die Knochenplatten und Eckzähne der Schweine stimmen mit der Morphologie des Schwarzwildes überein. Ob die Tiere domestiziert oder wild waren, bleibt ungewiß. Die Fülle der Reh- und Hirschrelikte zwingt aber zu der Vermutung, daß es sich hier um die Überreste erbeuteter Wildschweine handelt.

Auch im Bereich der Toreinfahrt fanden sich 1979/80 im wesentlichen Knochen der vorgenannten Tierarten:

  • 1 0berkiefer (a)                             Reh
  • l Oberkiefer (j)
  • 1 Schädelfragment                   Rothirsch
  • 1 Mittelhandknochen
  • Schädelteile, Zähne, Rippen v. (Wild-)Schwein

Anhand der zahlreichen Funde, die zwischen 1980 und 1985 entlang der Südwest- bzw. der Südmauer aus einer Tiefe zwischen 0,5 und 1,80m geborgen wurden, konnten auch hier in erster Linie wieder die gleichen Beutetierarten nachgewiesen werden. Hinzu kommt noch eine Fülle von Vogelknochen, die in ihrer Länge meistens etwas kleiner, dafür aber insgesamt stärker wirken als die entsprechenden Homologen unseres heutigen Haushuhns. In Anlehnung an die Überlegungen zum Wildschwein sollen auch diese Überreste – unter gewissem Vorbehalt – als Federwild eingestuft werden:

  • 1 Oberkiefer (a)                    Reh
  • 2 Oberkiefer (j)
  • 2 Unterkiefer (a)
  • 2 Unterkiefer (j)
  • Zähne
  • 8 Unterkiefer (a)               Rothirsch
  • 2 Unterkiefer (Kalb)
  • 3 Oberkiefer (a)
  • ganze Mittelhand- und
  • Mittelfußknochen sowie viele Fragmente
  • Rückenwirbel
  • Schädelfragmente
  • Backenzähne (a+j)
  • Schneidezähne
  • 1 Unterkiefer (e)                (Wild-)Schwein
  • 2 Unterkiefer (Frischl.)
  • 3 Oberkiefer (e)
  • viele Rippen, Wirbel
  • Zähne, darunter 2 untere und
  • 1 oberer Eckzahn mittelalter Keiler
  • viele Mittelfußkneehen            Federwild
  • viele Oberarmknochen
  • Oberschenkelknochen
  • 1 Brustbein
  • 1 Schlüsselbein
  • mehrere Beckenteile
  • 1 Knochenzapfen eines Horns (a)    Ziege

Ohne aufwendige Knochenanalyse kann somit allein durch Vergleich festgestellt werden, daß der größte Anteil von Säugerknochen von Wildtieren stammt. Einige der nicht näher identifizierten Exemplare sind sicher noch manchem Kleinsäuger zuzuordnen, aber aufgrund der fehlenden Schädelteile muß ihr Anteil als gering angesehen werden. Bei der bunten Palette an Geflügelrelikten dürfte es sich wohl von der Größe her um verschiedene Rabenarten, Hühner, Enten, vielleicht auch Auerwild handeln.

Aus all diesen Befunden können wir ziemlich sicher schließen, daß die Bewohner der Schnellertsburg jagdfreudige Gesellen waren. Die zahlreichen Rothirschfunde lassen eher eine damals hohe Bestandsdichte vermuten als eine bevorzugte Jagdart, denn ihre Trophäen werden, wie auch die verworfenen Keilerwaffen belegen, in keine Sammlung eingereiht. Wohl alles, was das erlegte Tier lieferte, wurde auf der Burg zweckdienlich verwertet, wobei die Fleischversorgung sicherlich im Vordergrund stand. In diesem Zusammenhang rückt nun auch die schon anfangs angestellte Vermutung, daß die Geweihe und Knochen auf der Burg verarbeitet wurden, weiter in den Bereich des Wahrscheinlichen: denn das bisherige Ausbleiben der starken Ober- und Unterschenkelknochen der vielen Rothirsche darf wohl als weiteres Indiz für die handwerkliche Betätigung der Burgbewohner gewertet werden.

Verzweigung aus untere Stangenbereich, Teil einer Rothirschstange

Verzweigung aus unterem Stangenbereich, Teil einer Rothirschstange