Hans Ulrich Colmar, Schnellertsbericht 1984, S. 34-37.

Vorgeschichte

Aus dem Kopiar gansischer Lehensbriefe der Grafen von Wertheim von 1564 geht hervor, daß Graf Johann II. “am 21.11.1439 dem Hans Gans so wohl die anderthalb Huben „in der Stierbach“ als auch „drey Kappen“ (= Kapaunen) von der Mulen, gelegen in der Stierbach“ verliehen hat. 1)

Möglicherweise wurde diese Mühle zwischen 1426 und 1489 errichtet, da sie im Zinsbuch der Herrschaft Breuberg von 1426 nicht erwähnt wird (die Dörfer Böllstein, Affhöllerbach, Ober-Kainsbach und die zwei Gersprenz mußten bei dem Nieder-Kainsbacher Müller Claus Morolff mahlen lassen).2)

Auch in sämtlichen folgenden Lehensbriefen bzw. -reversen bis zum Aussterben der Gans mit Johann Pleickhardt Gans zu Otzberg am 25.05.1694 wird diese Mühlenabgabe genannt. Selbst nach dem Heimfall des Lehens an die Gemeinherrschaft Breuberg ändert sich nichts daran, so daß noch im Zinsbuch des Affhöllerbacher Schultheißen Joh. Adam Scior von ca. 1808, also nachdem Stierbach bereits hessisch geworden war, unter anderen Abgaben von der Mühle 1 1/ 2 Kapaunen für die Fürsten zu Wertheim-Löwenstein und 1 1/ 2 Kapaunen für die Grafen von Erbach-Fürstenau (denen bei der Landesteilung von 1747 die erbachische Hälfte der gansischen und echterischen Güter und Berechtigungen zugefallen war) aufgeführt werden. 3)

Dieser nahezu 400jährigen Stabilität der Berechtigungen entspricht nun keineswegs ein ebenso kontinuierlicher Mühlenbetrieb. Zwar wird im Leibsbedeverzeichnis der Herrschaft Breuberg von 1605 mit Leonhard Arreß, einem pfälzischen Leibeigenen, ein Stierbacher Müller namentlich faßbar, doch scheint weder er noch seine Familie den 30jährigen Krieg überlebt zu haben.

Bei der Einwohnerzählung von 1637 wird für Stierbach nur Lenche Friederich genannt und im Einwohnerverzeichnis von 1668 Stoffel Reeg, 4) der mit dem Christoph Reeg der gansischen Lehensbriefe von 1668 5) und 1687 6) identisch ist und wohl als erster nach der großen Katastrophe die völlig verwilderten Felder der anderthalbgansischen Huben wieder urbar zu machen begann. Nach dem frühen Tod seines Sohnes Hans Leonhard (1662-1711) verheiratet sich dessen aus Langenbrombach stammende Witwe Anna-Maria geb. Reeg im Jahr 1714 mit dem als Müller bezeichneten Peter Liegenböhl (1665-1720) 7)

Die Vermutung, daß erst von diesem Zeitpunkt an wieder eine Mühle in Stierbach arbeitet, wird durch eine im Staatsarchiv Wertheim unter St 1109 aufbewahrte Mühlenakte zur Gewißheit. 8)

Die „neue Mühl“ des Peter Liegenböhl

Wohl Bald nach seiner Verheiratung am 6.Februar hatte Liegenböhl (in den Akten des StAW „Liegebühl“ genannt) bei der Gemeinherrschaft die Mühlenkonzession beantragt, die ihm laut Protokollen vom 20.September und 1.Oktober 1714 unter folgenden Bedingungen erteilt wurde:“. . .dem Peter Liegebühl von Stierbach eine Mahlmühl auf sein guth alldorten, als wo ehedessen auch dergleichen Mühl gestanden sein solle, gegen ein jährlich Canonem a 3 Capaunen, jeden a 20 alb., und 2 Malter Korn W.M. (=Wormser Maß) auf zu bauen verwilliget.“

Diesem Eintrag ist zu entnehmen, daß die alte Mühle im 30jährigen Krieg zerstört und fast 70 Jahre danach noch nicht wieder aufgebaut worden war.

Am 29.August 1715 meldet Liegenböhl, daß er „die ihme von gnädigster Herrschaft new auf zu bauen verwilligte Mühl, so in einem gang bestünde, nunmehro in solchen stand gebracht, das er zu mahlen damit angefangen, mit bitte, wegen dem ständigen Mühlpfagd, damit Er wisse, woran Er seye, ein gewisses zu machen.“

Vermutlich verdanken wir der Tatsache, daß man sich zunächst über die Höhe der Mühlpacht nicht einigen konnte, den Erhalt dieser Akte. Es hatte sich nämlich schnell herausgestellt, daß die Stierbacher Mühle mit 2 Malter Korn Wormser Maß (a 111, 43 l) überfordert war, so daß Peter Liegenböhl von sich aus 1 Malter Korn Aschaffenburger Maß (138, 87 l) anbot. Interessant ist in diesem Zusammenhang seine Begründung für die niedrigere Abgabe: „weil das Mühlwerckh gar schlecht und in einem überschlachtigen rath, als welches ein gar geringes Bachlein treibe, bestünde, auch wenig mahl Gäst selbiger gegend, weil dieselbe zur Wersauer BanMühl gehörig. “

Holzschnitt aus dem Ständebuch

Holzschnitt aus dem Ständebuch von Jost Amman, 1568

Die Wasserkraft des Kainsbaches, von dem der Mühlgraben abgeleitet war, muß – zumindest in trockenen Sommern – so gering gewesen sein, daß Junker Gg. Heinrich Gans zu Otzberg Veranlassung hatte, den Stierbacher Müller mit 1 Thaler zu strafen, „wan er die Bach zu trucken abgewendet“; 9) doch ist das andere Argument mit Sicherheit noch wichtiger: wenn die Bauern seit Jahrzehnten zur Mühle des breubergischen Vogteidorfes Wersau, die entweder den großen Krieg unbeschadet überstanden hatte oder gleich danach wieder aufgebaut worden war, gebannt waren, hatte es eine neue Mühle sicherlich schwer, Fuß zu fassen.

Der Löwensteinische Amtmann auf dem Breuberg scheint volles Verständnis für die schwierige Lage der gemeinherrschaftlichen Müller gehabt zu haben, denn sowohl in seinem Schreiben vom 10.September 1716 als auch in seinem Brief vom 10.März 1718 an die Wertheimer Kammer macht er sich zu ihrem Fürsprecher und drängt auf die längst fällige Ausstellung der Pachtbriefe – mit moderaten Bedingungen. Auch der Kondominälbeamte, sein erbachischer Kollege, wird von seiner Herrschaft zum Handeln in dieser Sache angehalten.

Aus dem letztgenannten Schreiben sei hier ein größeres Zitat in vollem Wortlaut wiedergegeben, weil daraus eindrucksvoll die Not der Zeit und das Mitgefühl des Amtmanns hervorgehen. Er bittet „die Pfacht Briefe über die bereits bey 2 od. mehr Jahr hero in gang gehende Mühlen zu Stierbach, Grumbach und Ohrnbach aus zu fertigen, wann ich aber hirüber auf vihlfaltigen sowohl schriftl. als auch mündtl. gethane ambts bericht noch kein final resolution (= endgültige Entscheidung) erhalten, als will umb dieselbe hiernach um so inständiger gebeten haben, als von beyden ersteren noch das geringste nit abgeführt worden und bei langerer trainirung (= Hinauszögern) diese Müller nicht im stand sein möchten, den rückstand nach zu tragen . .“.

Dann kommt er auf Liegenböhl zu sprechen und erklärt: „was nun diese Mühl anbelangt, thue hirdurch pflichtmäßig berichten, das dabey der geringste acker, garthen, noch wieß, auch so abgelegen seye, das Er öfters das mindeste nit zu mahlen, wodurch Zeith mein drey Jahriges Ambtiren dieser neu ongehende Müller schon der 5te ist, und von vorigen Vier drey gäntzlich verdorben und der Vierte kümmerlich gestorben, also (bin ich) der doch ohnmaßgeblichen meinung, das diesem, umb die mühl nit in abgang kommen, eine gnädige moderation seines bisherigen pfagds in aus Fertigung diesen Brieffs gemacht werden könnte. . . .“ Selbstverständlich lag eine möglichst gesunde Existenzgrundlage der Müller auch im Interesse der Herrschaft.

Das weitere Schicksal der Mühle

Ob man das Gesuch in Wertheim positiv beschied, zumindest für eine Übergangszeit, ist nicht überliefert. In den Steuerlisten von 1745 und 1763, 10) ist der Wertheimer Anteil an der Mühlpacht wieder mit 1 Malter Korn angegeben; daraus ist zu schließen, daß sich die Gemeinherrschaft mit ihrer Forderung von 2 Maltern insgesamt endgültig durchgesetzt hat. Peter Liegenböhl hat mit Sicherheit ein Aufblühen der Mühle nicht mehr erlebt, denn er stirbt bereits 5 Jahre nach ihrem Wiederaufbau am 8.2.1720. Seine Stieftochter Eva Catharina Reeg (1699 – 1768) heiratet 1721 den aus Affhöllerbach stammenden Johann Adam Fornoff I. (1700 – 1781), der die Mühle weiterbetreibt. Von ihm bis zur Schließung der Mühle im 20.Jahrhundert besitzen wir eine vermutlich lückenlose Liste sämtlicher Mühlenbesitzer von Stierbach.

Aus dem Jahr 1796 liegt ein relativ spätes Zeugnis für den nun zugunsten des Stierbacher Müllers bestehenden Mühlenbann vor 11), wo sich der Müllermeister Georg Wilhelm Klinger gemeinsam mit seinem Langen-Brombacher Kollegen Johann Peter Kriegbaum bei der Herrschaft ”wegen Verbotswidrigen Mahlens der Unterthanen ausßerhalb Landes“ beschwert.

Die Müller bekommen ihr Recht, denn die Gesetzesübertreter werden bestraft (Revierjäger Faulhaber von Kirchbromach durch die Gräflich Erbach-Schönbergische Regierung in König; der Pfarrer und Schulmeister von Kirchbrombach durch die Fürstlich-Löwensteinische Regierung in Klein-Heubach) und dringend aufgefordert, künftig in Breuberger Mühlen mahlen zu lassen.

Abschließend sei noch einmal aus dem Zinsbuch des Schultheißen Adam Scior von 1808 zitiert, wo die Mühle des Gg. Wilh. Klinger wie folgt beschrieben wird: „Hat 2 Mahl und ein Scheelgang und 1 Oelmühle“. Der Fürst zu Löwenstein und Graf zu Erbach-Fürstenau haben jeder zu beziehen (von Klinger also doppelt aufzubringen):

„Korn 1 Malter 1 Simmer; 1 1/2 Kapaunen 1 fl. (= Gulden); Für Waßerfall 1 fl.30 xr.; An Zinss 17 xr. 2 1/2 Pfg.; Von der Oelmühl 2 fl.“

 

Die Besitzer der Stierbacher Mühle

(Lebensdaten, soweit ermittelt, in Klammern)

Peter Liegenböhl (1665 – 1720)

Joh. Adam Fornoff I. (1700 – 1781), Gansischer Schultheiß aus Affhöllerbach

Joh.Adam Fornoff II. (1723 – nach 1783)

Johann Peter Klinger (1730 – 1800)

Georg Wilhelm Klinger ( verh. 1789)

Johann Adam Schüler II. (1788 – 1841)

Johann Philipp Denger (1823 – 1888) aus Fränkisch-Crumbach)

Adam Reeg IV. (1834 – 1899) aus Affhöllerbach

Georg Philipp Bernius ( geb.1854) aus Reinheim

Philipp Katzenmeier (1887 – 1971), Sägmüller und Schreiner aus Fränkisch-Crumbach

Quellen und Hinweise:

  1. Kopiar Gansischer Lehensbriefe von 1439 bis 1566, StAW G 24/124
  2. Zinsbuch der Herrschaft Breuberg von 1426, S 166, StAW G 24/43 a
  3. Zinsbuch des Schultheißen Johann Adam Scior (1768 – 1845) für Kilsbach und Stierbach, Pivatbesitz der Familie Grulich, Affhöllerbach.
  4. Höreth, F.: Einwohnerlisten der Grafschaft Erbach und der Herrschaft Breuberg, Darmstadt 1935
  5. Lehensrevers des Joh.Pleickh.Gans v. 0tzberg, StAW R/Us 1668 III 7
  6. Lehensbrief des Grafen Georg Ludwig zu Erbach, StAW R/Us 1681
  7. Alle genealogischen Angaben sind den Kirchenbüchern von Kirchbrombach entnommen.
  8. „Die Neue Mühl zu Stierbach betrfd.“ StAW St. 1109
  9. Gansisches Verhör zur Jagdgerechtigkeit vom 24.2.1615, StAW A 319
  10. Gansische Steuerlisten von 1745 und 1763, StAW A 29 – 30
  11. Gräfliche und Fürstliche Regierungsprotokolle vom August 1796, StAW R / bI 122