Hans Ulrich Colmar, Schnellertsbericht 1984, S. 12-19.

Im Staatsarchiv Wertheim ist eine Akte erhalten 1), die in rechts- und kulturhistorischer Hinsicht große Aufmerksamkeit verdient, da Vergleichbares im weiten Umkreis nicht bekannt geworden ist. Dabei handelt es sich um die Korrespondenz des Breubergischen Amtmanns Fritz von Ratzenburg mit seiner Wertheimer Herrschaft, die zur Zeit der Minorität Graf Michaels III. (1529-56) vormundschaftlich von seiner Mutter Barbara ausgeübt wurde, der Witwe Graf Georgs II. (1487-1530), einer geborenen Schenkin von Limpurg.

Anlaß für den Schriftverkehr war der Selbstmord einer jungen Frau, der Tochter Hans Wirttenbergers, die offenbar gegen ihren Willen mit Niklaus, Hans Petters Sohn, an Fastnacht 1540 (10. Februar), verheiratet worden war. Bereits nach einmonatiger Ehe, am Donnerstag nach Lätare (11.März), machte sie ihrem Leben durch Erhängen in ihrem Haus ein Ende. Grund für die Aufbewahrung der Akte war wohl die Tatsache, daß der Besitz eines Selbstmörders der Herrschaft zufiel; hinzu kamen im konkreten Fall der Böllsteiner Selbstmörderin Ansprüche des Scharfrichters auf das Haus, deren Rechtmäßigkeit noch überprüft werden mußte. Da in den Briefen fast jedes Detail von Interesse ist, sollen sie im folgenden ungekürzt wiedergegeben werden, wobei um der besseren Lesbarkeit willen Rechtschreibung und Zeichensetzung dem heutigen Gebrauch angenähert wurden, ohne jedoch den altertümlichen Stil zu verändern (die Briefe des Amtmanns liegen nur als Konzept vor und sind außerordentlich schwer zu entziffern).

Brief des Amtmanns an Gräfin Barbara vom 12.3.1540 2)

 

„Wohlgeborene gnädige Frau! Es hat sich gestern, Donnerstag, Niklaus, Hans Petters Sohn genannt, zu Bylstein in Brambacher Zent (= Böllstein in der Zent Kirchbrombach) sein Weib, wie er zu Mittag im Acker gewest, selbst erhängt in ihrem Haus. Beide junge Leute haben erst zu nächster (= letzter) Fassenacht Hochzeit gehabt. Hab, soviel ich in der Eil erfahren konnte, der Sachen, ob sie sich etwas zuvor hat merken lassen, das ein Argwohn gebe, nachgefragt und befunden bei den Nachbarn zu Bylstein, daß sie sich am nächsten Mitwochen beklagt soll haben, wie ihr Vater ihr den Mann hab geben. Er könne keinen Pflug im Acker richten und die Güter, die sie von beiden Eltern haben, nit erbauen, und sie wollte, daß ihr Vater sie dafür an einen Baum hätte gehangen. Doch nit konnte erfahren, daß der Mann ihr einige Ursach geben, sondern sie wohl gehalten. So habe sie eine ziemliche Nahrung gehabt und am Gut auch kein Mangel gewest. Ich hab das Haus, darin sie hängt, verschließen lassen und auf nächsten Montag das Gericht und die Zent zusammen verbieten lassen. Damit ordentlich gehandelt werde, wollen mich E.G. (=Euer Gnaden) beizeiten berichten.

Datum Freitag nach Lätare 40

(Nachschrift) Und wollte E.G. den Nachrichter (=Scharfrichter) von Wertheim her verfertigen lassen oder sollte man einen anderen besehen.

E.G. untertäniger Fritz von Ratzenburg“

 

 

Antwort der Gräfin Barbara an den Amtmann Fritz von Ratzenburg vom 13.3.1540

 

„Wir haben dein Schreiben, die Frauen, so sich selbst gehängt, hören lassen und lassen uns gefallen, daß die Zent bis Montag zusammenkomm und ist darauf unser Befehl, daß du die Schöffen fragtest, was mit der Frauen zu tun sei, und was sie also erkennen werden, dem kumm nach. (Hervorhebungen durch den Verfasser). Und was es an Kosten mit sich führe, das laß das Zentvolk ausrichten. Wir wöllen dir auch der Grafschaft Wertheim Nachrichter bis morgen zur Nacht in die Neuwenstat (=nach Neustadt) schicken, den wollest brauchen und ihm die Zent sein Besoldung lassen geben. Wollest auch alles liegende und fahrende Gut, so das Weib ihrem Mann zugebracht und so ihr Morgengab und Widerlegung uff den Ehetag (= Weinkauf, Verspruch) gemacht wäre, dasselbig alles inventieren und uffzeichnen und zu unseren Banden nehmen und unsers ferneren Bescheids dazu erwarten.

Datum Samstag nach Lätare, Anno 540″

 

 

Brief des Amtmanns an Gräfin Barbara vom 15.3.1540

 

„Wohlgeborene gnädige Frau! Ich hab heute die Zent und das Gericht zu Brambach der Frauen halben, die sich selbst gehenkt, beieinander gehabt und dem Befehl nach, den mir E.G. geben, handeln wollen und durch einen Redner (= Ankläger) der Frauen Missetat den Schöffen lassen anzeigen und beklagen und derhalben ein Urteil lassen anstellen:

Ist vom Schöffengericht die Frauen unter der Schwellen aus dem Haus zu graben und unter dem Gericht (= Galgen) zu verbrennen.

Weiter haben Sie der Herrschaft alles Liegende und Fahrende, so beide Eheleute gehabt und verlassen (= hinterlassen), Euer Gnaden, der Herrschaft, heimgewiesen (= aufgelistet und zugestellt). Davon soll die Herrschaft die Kosten, so daraufgegangen, ausrichten. Dem gegenüber habe ich den Schöffen E.G. Bericht vorgehalten, nach dem das Zentvolk die Kosten bezahlen soll, worauf sie gebeten, ich soll stillstehn, sie wollten E.G., was Rechtens und Herkommens, berichten und selbst dafür bitten, so zu handeln, wie es bisher gehalten worden, wenn sich ein solcher Fall zugetragen: Habe ein Täter soviel hinterlassen, daß es die Kosten hab mögen austragen (= daß man die Unkosten davon bezahlen konnte), habe man dieselben Güter angegriffen, das übrige habe die Herrschaft genommen. Wo es aber nit zugereichte oder gar nichts da wär gewest, so hatte das Zentvolk es ausrichten und erstatten müssen.

Auch hab ich, soviel ich noch erfahren mögen, nachgefragt und befunden, daß kürzlich in Hochster (= Höchster) Zent sich auch also ein Fall zugetragen. Sind die Kosten auch von demselben Gut gezahlt worden; auch befunden, daß es sich vor vielen Jahren in Brambacher Zent also verhalten.

Dem Nachrichter, so hierher verfertigt worden, hab ich noch mitsamt dem Zentgrafen eins Lohns verglichen, . . .soll man ihm 5 Gulden und die Zehrung geben. Sonst ist der Brauch, daß man einem Nachrichter Hafer und Korn stellen muß, das pflegen sie danach zu behalten. Weiter, da ihm die Frau vom Zentgrafen übergeben worden, fordert er erst den Galgen, daran sie sich selbst gehangen hat, das ist das Haus, und sagt, es sei sein gerechtes Teil. . . Ich habe ihn also abgefertigt. . ., und schick hiermit E. G. das Inventar der liegenden und fahrenden Güter des Mannes und der Frauen.

Datum Montag nach Judica 40

E . G . untertäniger Fritz von Ratzeburg

 

 

Anlage I
Inventarium, Hans Wirttenbergers Tochter, die er Hans Petters Sohn zu Bylstein geben und die sich selbst erhängt, ihrer beider Güter belangend:

Die liegenden Güter: Haus, Hof, Äcker, Wiesen, soviel zu Bylstein liegen und in Hans Petters Güter gehören, so aber halb Niklaus Petters und halb seines Bruders.

Fahrender Habe im Haus gefunden:

2 Pferd

2 Kuwe (= Kühe)

1 schlechten (= einfachen) Tisch 1 Bettlach (= Bettlaken)

2 Leilach (= Leinentücher)

1 Hauen (= Hacke)

1 Schorn (= Spaten) In einer verschlossen Truhen in seines nächsten Nachbarn Haus:

1 Goldgulden in einem Beutel, hat Niklaus’Bruder ihm geliehen, damit er sein Weib vermählt hat.

1/2 Gulden-Münz auch im Säckel

1 rot Maß-Geller (= Halstuch, Göller, von Koller, collier) 1 rot lündisch Geller (= Londoner Tuch)

1 rot Übermieder

3 Schleier gut und besser

2 weiß Geller

3 Gürtel groß und klein

Was der Vater noch bei ihm (= sich) hat:

2 Röck noch beim Vater

Was der Vater Hans Wirttenberger der Tochter auf dem Ehetag verheißen: 20 Gulden Zugab 1 Kuh 1 Sau 1 Mantel 1 Gulden oder 1 Bett

Was Hans Wirttenberger seiner Tochter an der zugesagten Zugab bezahlt hat: 3 Gulden, darum haben sie eine Kuh kauft

16 Gulden, darum haben sie 2 Pferd kauft, das übrige ist er noch schuldig

(vermutlich) Anlage II

Brief der Zentgemeinde Kirchbrombach vom 15.3.1540 an Gräfin Barbara

 

„Wohlgeborene gnädige Frau, E.G. seien unser untertänige, willige Dienst allezeit zuvor! Wohlgebohrne gnädige Frau, nachdem von E.G. Amtmann zu Brewbergk unserm günstigen Junker E.G. Befehl an uns armen Untertanen geschehen, wie wir die Kosten für den Handel des Weibs, so sich umgebracht hat, geben und tragen sollen, dieweil aber mit Urteil und Recht gewiesen, daß die Kosten von dem Gut, so verlassen worden, ausgericht werden sollen, auch dergleichen von altersher mehr geschehen, ist an E.G. unser, E.G. Armen, ganz untertänige Bitt, E.G. wollens in Gnaden erkennen und uns, Euer Gnaden Armen, dieser Beschwerung halben entladen.Wo aber nichts vorhanden, davon gemeldte Kosten vergnügt (= beglichen) werden möchten, alsdann wollten wir, E.G. Armen, ganz williglich die Kosten zu tragen bereit sein.

E.G. seien dem Allmächtigen allezeit befohlen!

Geben zu Kirch Brambach Montag nach Judica anno 1540

Euer Gnaden untertänige ganze Zent-Gemein zu Kirch Brambach“

 

 

Antwort der Gräfin an den Amtmann Fritz von Ratzenburg vom 18. 3. 1540 „Barbara-:

 

“Wir haben dein Schreiben, die verbrannte Frauen betreffend, gelesen, und soviel die Güter belangt, ist unser Befehl, daß du ihrem Mann dieselbigen uff Bürgschaft, nit zu verkaufen, zu veräußern oder zu verändern, sondern zu bauen und zu gebrauchen bis uff fernern unsern Bescheid zustellest, doch daß des Nachrichters Lohn, die 5 Gulden und Atzung, zuvor davon bezahlt werden. Seiner anderen Forderung halben wollen wir mit ihm hier handeln lassen,

Datum Donnerstag nach Judica Anno 540

An Fritz Ratzenburg

Amts zu Brewbergk“

 

 

Die im Text hervorgehobenen Stellen weisen bereits auf die über den konkreten Fall hinaus interessanten Gesichtspunkte hin und bedürfen einer eingehenden Betrachtung:

  1. Die Souveränität der Schöffen in Fragen der Zentgerichtsbarkeit
  2. Das Untergraben der Hausschwelle zur Entfernung der Leiche
  3. Das Verbrennen der Leiche unter dem Galgen
  4. Die Beanspruchung des Hauses als Galgen durch den Scharfrichter
  5. Der Anspruch der Herrschaft auf das Vermögen des Selbstmörders

zu 1) Trotz des zunehmenden Drucks der Landesherren, die im 16.Jahrhundert das kodifizierte römische Recht in wachsendem Umfang dazu benutzten, das gesprochene Recht der einstmals freien Bauern zurückzudrängen – der große Bauernaufstand war erst vor anderthalb Jahrzehnten blutig niedergeschlagen worden; seit 1532 war die „Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V.“, die Carolina, in Kraft; 1540 erhielt der Adel in Brandenburg das Recht des „Bauernlegens“ – wird dem Zentgericht in Kirchbrombach von der Herrschaft ausdrücklich zugebilligt, darüber zu befinden, was mit der Selbstmörderin zu geschehen habe. Der Breubergische Amtmann versiegelt zwar die Wohnung und beruft das Zentgericht ein, doch muß er sich dem Spruch der Schöffen fügen. Selbst die ursprüngliche Weisung der Gräfin, das Zentvolk habe die Gerichtskosten (Scharfrichter, Atzung usw.) zu übernehmen, kann nicht aufrechterhalten werden, nachdem die Zentgemeinde unter Hinweis auf Präzedenzfälle Gewohnheitsrecht geltend machen konnte: „von altersher“ war es üblich, daß die Kosten von dem hinterlassenen Gut des Täters bestritten wurden. Die Herrschaft erkennt schließlich diese Forderung im zweiten Antwortschreiben ausdrücklich an. Der Brief der Zentgemeinde ist einerseits bereits geprägt von einer Fülle devoter Unterwürfigkeitsformeln, wie sie im heraufziehenden absolutistischen Zeitalter im Umgang des Untertans mit seiner Obrigkeit zur unvermeidlichen Pflichtübung wurden, andererseits spricht aus ihm noch ungebrochenes Selbstbewußtsein im Hinblick auf die Befugnis, „Urteil und Recht zu weisen“.

zu 2) Der Beschluß des Schöffengerichts, die Leiche der Selbstmörderin unter der Schwelle des Hauses hindurchzuziehen, geht auf uraltes, heidnisch-germanisches Brauchtum zurück. Es muß geradezu als sensationell bezeichnet werden, daß sich ein solcher Archaismus mehr als 800 Jahre nach der Christianisierung bis ins Zeitalter der Renaissance und des Humanismus erhalten konnte. Wie tief muß die Angst vor der Wiederkehr der unerlösten Seele eines Verbrechers – Selbstmord galt als Verbrechen und wurde als solches bestraft – im Bewußtsein der Menschen verwurzelt gewesen sein, daß man noch im Jahr 1540 solche Schutz- und Abwehrmaßnahmen nötig zu haben glaubte, denn um nichts anderes handelte es sich bei dem Verbot, den Leichnam über die Schwelle aus dem Haus zu tragen; dies war nur im Falle des eines natürlichen Todes Gestorbenen zulässig, und auch da stets mit den Füßen voran (ein bis in unsere Zeit üblicher Totenbrauch), damit eine Rückkehr nicht zu befürchten war.

Weit verbreitet war der Glaube an die sogenannten Wiedergänger, die im Französischen „revenants“ genannt werden: Ermordete, Ertrunkene, Verhungerte, Mörder, alle, die im Leben oder im Tod nicht ihr Recht bekommen hatten oder die ungenügend bestattet worden waren, konnten keine Ruhe finden und trieben als Geister ihr die Lebenden bedrohendes Wesen. 3) (Selbstverständlich gehören auch das Wilde Heer und unsere Sage vom Schnellertsherrn in jenen Umkreis des Mythos der unerlösten Seelen). Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hinterbliebenen; in Skandienavien warf man Steine auf die Gräber von Zauberern, Räubern, Geächteten, um sie von weiteren Untaten abzuhalten. In der altisländischen Eyrbyggjasaga wird der im Groll verschiedene Thorolf von seinem Sohn durch ein Loch in der Wand, das dann wieder verschlossen wird, ins Freie geschleift. In Schleswig-Holstein wurde die Leiche eines Selbstmörders durch das Fenster oder ebenfalls durch eine in die Mauer gebrochene Öffnung geworfen. In anderen Gegenden Deutschlands zog man – wie in Böllstein – die Leiche eines Missetäters unter der Schwelle hindurch. 4)

zu 3) Der durch den christlichen Glauben an „die Auferstehung des Fleisches“ untermauerte Brauch der Körperbestattung wurde bekanntlich bei den Hexenverbrennungen bewußt durchbrochen, weil man dem Feuer eine reinigende Kraft zusprach, mit dessen Hilfe auch vom Teufel besessene Seelen noch geläutert werden konnten. Ein ähnlich makabres Schauspiel muß der brennende Scheiterhaufen auf dem Galgenberg östlich der Straße nach Hembach geboten haben. In beiden Fällen ging es den Lebenden wohl weniger um das Seelenheil der Toten als um die vollständige Beseitigung auch der materiellen Überreste der Sünderinnen, um ganz sicher vor einer Fortsetzung ihres „ruchlosen Treibens“ über den Tod hinaus zu sein.

Schon die Germanen kannten sowohl Körperbestattung (die Westgotenkönige Alarich und Theoderich wurden begraben) als auch die Leichenverbrennung (Beowulf und selbst Odin wurden mit großem Gepränge verbrannt).

Gerade aus der germanischen Spätzeit sind allerdings zahlreiche Berichte überliefert, aus denen hervorgeht, daß man nur durch das Feuer die vollständige Zerstörung des Toten zu bewirken glaubte: so wird in der Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal erzählt, daß der Bösewicht Hrapp zunächst unter der Schwelle seines Hauses bestattet, dann aber wieder exhumiert wurde, als er umging und Schaden anrichtete. Man begrub ihn dann erneut unter einem Steinhaufen an abgelegener Stelle; doch erst, – als man seinen Körper verbrannt und die Asche ins Meer gestreut hatte, kehrte Ruhe ein. Bonifatius soll bei den Sachsen noch den Brauch beobachtet haben, daß man gefallene Mädchen und Ehebrecherinnen zwang, sich zu erhängen und dann verbrannte. 5)

Noch 1540 war, die Befangenheit der Menschen in solchen Vorstellungen zu groß, um nach Motiven für einen Selbstmord zu fragen und zu unterscheiden zwischen Menschen, die sich „aus Schwermut und solchen, die sich aus überzeugtem Gewissen ihrer gepflogenen Missethaten, selbst verzweifelter Weise umgebracht und getötet haben“, wie es in einem Siegerländer Weistum aus dem 18.Jhdt. heißt. 6) Während man in dieser aufgeklärteren Ordnung ”auch die Verwandten und Freunde erinnert, auf alle solche Personen, welche in Schwermuth gehen möchten, fleißige Aufsicht zu nehmen, dieselbe auf Gottes Wort zu trösten und nicht immer allein zu lassen“, werden die Kirchbrombacher Zentschöffen von 1540 ausschließlich von ihrer Angst vor Wiederkehr bestimmt und von durch die Jahrhunderte überlieferten Rechtsnormen geleitet. Merkwürdigerweise wurden männliche Selbstmörder in der Regel unterm Galgen verscharrt, während man Frauen dort verbrannte. Die Tatsache, daß man die Richtstätte als Ort für Verscharren oder Verbrennen der Leiche wählte, beweist eindeutig, daß Selbstmord mit Mord gleichgesetzt wurde, mit dem einzigen Unterschied, daß hier Täter und Opfer identisch waren.

zu 4) Die Einschaltung des Scharfrichters im Falle eines Selbstmordes ist ebenfalls aus diesem Zusammenhang zu verstehen.Sie war so selbstverständlich, daß in der Korrespondenz kein Wort darüber verloren wird. Etwas ungewöhnlich kam sowohl dem Amtmann aus auch seiner Herrschaft in Wertheim jedoch der sehr weitgehende Anspruch vor, den der Henker geltend machte, als er das ganze Haus für sich forderte. Während die 5 Gulden Lohn und die Atzung unstrittig waren, war man sich offensichtlich nicht sicher, auf welchen überlieferten Rechtstitel er sich dabei berufen konnte. Es muß üblich gewesen sein, dem Scharfrichter „den Galgen“ (wohl meistens ein Baum) eines Selbstmörders zu übereignen; ob dies im Haus auf den betreffenden Balken oder Haken in der Wand oder auf das ganze Gebäude zu beziehen war, mußte offensichtlich von den Wertheimer Juristen noch geklärt werden. Daß der Anspruch ernst genommen wurde, geht aus dem letzten Satz des Schreibens der Gräfin vom 18.3. hervor: “ Seiner anderen Forderung halben wollen wir mit ihm hier handeln lassen. “ Eine interessante Parallele zeigen Urteile des Leipziger Schöffenstuhls von 1622 und 1638, wo entschieden wurde,

„daß dem Scharfrichter alles Eigentum eines Selbstmörders gehöre, welches er mit dem Schwert von dem Toten aus erreichen kann“. 7)

Leider wissen wir nicht, wie die Wertheimer Sache entschieden wurden; man wird sich um so eifriger bemüht haben, die Forderungen des Henkers einzugrenzen, als sie mit dem grundsätzlichen Rechtsanspruch der Herrschaft auf die Hinterlassenschaft eines Selbstmörders kollidierten. Im Fall eines natürlichen Todes wäre das Vermögen der Frau an ihre nächsten Verwandten gefallen, da die Ehe noch kinderlos war. Hier jedoch wird es von der Herrschaft konfisziert, weil es sich um einen Selbstmord handelte.

Weinende Bäuerin Federzeichnung von Albrecht Dürer um 1515

Weinende Bäuerin, Federzeichnung von Albrecht Dürer um 1515

 

 

Die Konfiszierung der Güter war allgemeiner Rechtsbrauch, der in zahlreichen Weistümern überliefert ist. So heißt es z.B. in einem Weistum aus Kyburg (nordöstlich von Zürich) von 1506:

„Welche Personen auch in der Grafschaft ihnen (sich) selbst den Tod da antun, da ist meinem Herren zu Kiburg in obgeschriebenem Maße derselben Personen Gut verfallen.“ 8)

Gleißweiler (nordwestlich von Landau) 1568:

“Welcher mit Urteil und Recht zum Tod erkannt wurd oder sich selbst leiblos macht, dessen Hab und Güter seien den Herrn verfallen.“ 9)

Hochstetten (an der Alsenz) 1543:

„Wer mit Recht vom Leben zum Tod verurteilt wird, des Güter seind der Herrschaft verfallen! Gleichermaßen, ob jemand, er wäre denn wahnwitzig, ihme (sich) den Tod selbst antäte, desselben Güter verfallen auch der Herrschaft.“ 10)

Jacob Grimm überliefert allerdings auch Weistümer, aus denen hervorgeht, daß die Herrschaft nur die Hälfte bzw. zwei Drittel 12) der Hinterlassenschaft beanspruchte.

Anmerkungen und Literaturhinweise

  1. StAW G 124/269
  2. Datumsberechnungen nach W. Lizalek, Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße, ßd.l7, 1984, S.278-81
  3. Elard Hugo Meyer: Mythologie der Germanen, Straßburg 1903, S. 93-97
  4. Johann Glenzdorf-Fritz Treichel: Henker, Schinder und arme Sünder, 1.Bd., Bad Münder 1970, S. 97
  5. Rolf Hachmann: Die Germanen, in: Archaeologia Mundi, München 1978, 3.146 ff.
  6. Lothar lrle: Tod und Begräbnis im Siegerland, Siegen 1966, S.63
  7. Glenzdorf-Treichel: a.a.0.
  8. Jacob Grimm:Weistümer, Göttingen 1840-69, Bd.1, s.18, 2
  9. Jacob Grimm: a.a.0., Bd.5, S.571
  10. Jacob Grimm: a.a.0., Bd.5, S.648
  11. Jacob Grimm: a.a.0., Bd.2, S.227
  12. Jacob Grimm: a.a.0., Bd.5, 5.595