Wolfram Becher, Schnellertsbericht 1980, S. 7-11.

Des Schnellerts Nachbarburg, das sogenannte Beerfurther Schlößchen, gehört zu den rätselhaftesten Anlagen dieser Art im Odenwald, weil urkundlich überhaupt keine Nachricht darüber auf uns gekommen ist. Bezeugt ist nur der seit über zweihundert Jahren währende Steinraub an der, ursprünglich wohl gar nicht so kleinen Trümmerstätte. Von einer „Kleinburg“ zu sprechen, ist deshalb auch nur angesichts des heutigen, kümmerlichen Restbefunds berechtigt. Beim Schnellerts mag man nach den Forschungserkenntnissen der letzten Jahre diesen Ausdruck auch nicht mehr so gern gebrauchen.

Daß das Beerfurther Schlößchen kein Römerbauwerk, sondern eine mittelalterliche Wehranlage gewesen ist, gilt seit einem Jahrhundert als gesichert. Aber wer sie zu welcher Zeit gebaut hat und wie lange sie bestanden hat, ist völlig unbekannt. Die gelegentlich auftauchende Bezeichnung als „uraltes, herrschaftliches Schloß“ sagt für sich auch noch nicht gerade viel aus. Nehmen wir aber die überlieferte und teilweise noch zu unserer Zeit beobachtete Tatsache hinzu, daß sich hier außerordentlich schön behauenes Sandsteinmaterial als besonderer Anreiz für den Steinraub finden ließ, dann spricht das eher für eine – im Vergleich zur Schnellertsburg frühere Erbauung, aber auch für eine frühere Zerstörung, wegen des Fehlens des „unordentlichen“ spätmittelalterlichen Mauerwerks. Doch scheint der eigentliche Steinraub merkwürdigerweise erst verhältnismäßig spät eingesetzt zu haben (etwa Mitte des 18. Jhdts.), ein Problem, das uns noch beschäftigen wird. Mehr Klarheit könnte zweifellos nur eine richtige‚wissenschaftlich geführte Grabung erbringen. Das Einzige, was wir tun können, ist der Versuch einer Zusammenstellung alles dessen, was wir historisch über die unmittelbare Umwelt des „Schlößchens“, also über den Ort Beerfurth überliefert bekommen haben. Irgendwo muß ja doch die Geschichte unserer Burgruine darinstecken.

Sicher haben beide Dörfer, Kirch- und Pfaffenbeerfurth, ursprünglich eine Gemarkung gebildet. Noch 1443 heißt Ersteres „Bernffurt an der syte der bache“ und Letzteres „Bernffurt hie disseyte der bach“, offenbar vom Reichenberg über die Gersprenz hinweg gesehen. Während aber der Kirchbeerfurther „Allmende und Burgwald“ unmittelbar östlich oberhalb des Dorfes anschließt, lag und liegt der Pfaffenbeerfurther Gemeindewald erst daran anschließend am Berghang, schließt oben den Morsberggipfel (516, 7 m) ein und reicht mit einem Stück von 750 m an den „Eckweg“, den uralten Grenzweg auf der Höhe des Morsberggebietes.

„Pfaffen“ -Beerfurth erhielt seinen Sondernamen von den „Pfaffen“ des Stifts zum Heiligen Geist in Heidelberg. An diese war der Grundbesitz ( mit Ausnahme eines erbachischen Hofes) einschließlich der Niedergerichtsbarkeit, der Vogtei, im 15.Jhdt. von den Landschaden von Steinach gelangt. Höchstwahrscheinlich war dieser Besitz in der Mitte des 14. Jhdts. durch Else, die Witwe des Diemer Kreis von Lindenfels, an ihren zweiten Gemahl, Bligger Landschad (+1357) als Eigengut gekommen. Nur die hohe Gerichtsbarkeit, die Cent, gehörte den Schenken von Erbach und zwar mit Sicherheit aus dem großen Anfall früher Crumbachischen Gutes um den Reichenberg in der Zeit etwa von 1200 bis 1220. Die Kreis oder „Creiz“, wohl schon vor dem mit den Crumbachern verwandt oder verschwägert gewesen, hatten ihren Beerfurther Anteil, also Pfaffen-Beerfurth, über diesen Wechsel hinweg allodial behalten. Über diese Zusammenhänge hat sehr einleuchtend Rudolf Kunz in „Der Odenwald” 1964 I, S. 19 ff. gehandelt. Nur seine dort geäußerte Ansicht, auch die Erbauer des Beerfurther Schlößchens seien wohl im Umkreis dieser hier genannten Familien zu suchen – auch der Verfasser dieser Zeilen hat sie früher geteilt – hält einer genaueren Betrachtung der Kirch-Beerfurther Verhältnisse nicht stand.

Dieser Kirch“-Beerfurther  Dorf-Teil – so schreibt es Daniel Schneider 1736 in seiner „Erbacher Historie“ ganz klar – trug und trägt seinen Namen nach dem dort befindlichen kleinen Kirchlein. An der tatsächlichen Existenz dieses Kirchleins ist viel gezweifelt werden. Auch vom Verfasser dieser Zeilen! Angesichts der klaren Aussage Schneiders ist ein solcher Zweifel aber wohl nicht erlaubt. Eher ist anzunehmen, daß ein vielleicht oder wahrscheinlich sehr altes Kirchlein noch im 18. Jhdt. ökonomischem Denken geopfert wurde. Vermutlich war es zu dieser Zeit bereits seit langem in den Rang einer Filialkapelle zu Fränkisch-Crumbach herabgedrückt worden, falls es überhaupt damals noch einen sakralen Charakter besaß. Der heute gänzlich unbekannte einstige Standort müßte sich eigentlich auch jetzt noch irgendwie feststellen lassen. Über Kirch-Beerfurth aber lag das „Schlößchen”, d. h. Pfaffen-Beerfurth war wohl der reichere und nach Einwohnerzahl bedeutendere Ortsteil ( er pfarrte übrigens immer nach Reichelsheim !), Kirch-Beerfurth aber war der politisch und kirchlich wichtigere. So wurde z.B. das Ungelt, die Weinumsatzsteuer, für ganz Beerfurth von Kirch-Beerfurth aus eingezogen.

Diese Gesamtgemarkung Beerfurth aber legte sich ursprünglich vom Reichenberg an wie ein Sperr-Riegel quer über das obere Gersprenztal bis oben auf den Morsberg. Welcher Herrschaft oder welchem geistlichen Besitz war dieses „Gesamt-Beerfurth“ ursprünglich zugeordnet?

Wegen der nachweisbaren Besitzstruktur von Pfaffen-Beerfurth mit seinen zwei Teilen – dem Dorf westlich der Gersprenz und dem Wald auf dem Morsberggipfel kann auch das dazwischen geklemmte ”Kirch“-Beerfurth mit dem „Schlößchen“ nur aus dem allodialen Bestand der freien Herrschaft Crumpach stammen. Es hat ja bis zum Ende des Alten Reiches auch immer – wenn auch nur formal – noch zur Cent Fränkisch-Crumbach gehört und kirchlich gehörte es gleichfalls dorthin.

Hier kommen wir nun um eine neuerliche Überprüfung der Lorscher Wildbanngrenze von 1012 nicht herum: Der Beschreibung nach kam diese Grenze von der Neunkircher Höhe (Wintercasto) herab, zog in „Ludenaha“ (in den Laudenauer Bach), dann “in Eberbach“(also wohl über die Anhöhe östlich der Burg Rodenstein), sodann „in Gaspenza“ (die aber erst ab Bockenrodt so heißt- vorher: Mergbach=Grenzbach). Demnach lag Reichelsheim innerhalb dieses Lorscher Wildbanns, der Reichenberg jedoch nicht. Von der Gersprenz aus zog dann die_Grenze „in Abbatisbach“ (in den Abtsbach) und hernach „ultra Cuningisbach“ „in Birkunhart“. Man ist sich darin einig, daß erst hinter der Gemarkungsgrenze von Ober-Kainsbach die Wildbanngrenze auf die Böllsteiner Höhe (Birkunhart“, danach das Dorf Birkert genannt) zog. Es geht nun genau um die Identifizierung des „Abtsbaches“. Elisabeth Kleberger meinte, der Name ‚ deute die Grenze der Machtbefugnis des Abts von Fulda an und glaubte, ihn mit dem Steinbach bei Bockenrod gleichsetzen zu können. Dagegen ließe sich anführen, daß die südliche Grenze Fuldas hier vielmehr der Lohbach im nördlichen Teil von Kirch-Beerfurth gebildet haben muß, weil der dortige Lohhof bis 1551 eindeutig breubergischer Besitz gewesen ist. Auch der Verfasser hat die Gleichsetzung „Abbatisbach“ gleich ”Lohbach“ bis vor kurzem vertreten. Die Beschäftigung mit einem Grenzproblem Erbach-Breuberg aus dem Jahre 1303 (demnächst in der Zeitschrift „Der Odenwald“) hat ihn auf die Bedeutung der Morsberghöhe aufmerksam gemacht und seinen Blick auf die dortigen Pfaffenbeerfurther „des Heiligen Geists Hecken“ gelenkt, die keinesfalls je fuldisch gewesen sein dürften, aber ebensowenig zu Lorsch gehört haben. Gerade, weil sie später in geistlichem Besitz gelandet sind, muß es sich vorher um freieigenen Grundbesitz gehandelt haben. Dann hätte Kleberger also insofern doch Recht, wenn sie den Steinbach bei Bockenrod als Grenzbach des Lorscher Wildbanns anspricht. Der Name „Abtsbach“ müsste sich dann aber bereits auf den Abt von Lorsch, nicht auf den von Fulda bezogen haben. Denn dessen Bereich begann erst – daran scheint nicht zu rütteln — am Lohbach nördlich des Beerfurther Schlößchens. Dann wäre also tatsächlich der östlich der Gersprenz gelegene Teil des Sperr-Riegels „Beerfurth“ niemals Klosterbesitz gewesen, sondern lag als allodialer Freiraum zwischen Fulda und Lorsch. Grund genug zu merkwürdigster Aufteilung!

Diese sah mindestens seit dem 15. Jhdt. so aus: Die Hälfte des Dorfes ( 6 Huben) mit der zugehörigen Vogtei gehörte den Schenken aus der Linie Erbach-Michelstadt als Pfälzer Lehen. Die andere Hälfte den Herren von Rodenstein als wertheimisches (oder breubergisches ?) Lehen, der schon genannte Lohhof (nördlich des Lohbaches) war breubergisch. Ein Hof „auf der Alme” war gemeinschaftlich. Dieser Hof, dessen Lage wir nicht kennen, muß etwas mit der ältesten, noch ungeteilten Ortsherrschaft zu tun gehabt haben. Auf einem Kartenriß von 1853/57 (Der Odenwald 1980, H. 2, S. 67) ist der Wald, wo das „Kirchbeerfurther Schloß“ eingezeichnet ist, als der „Almeund Burgwald“ bezeichnet. „Alme“ dürfte mit „Allmende“ gleichzusetzen sein. Falls man den Platz des gemeinschaftlichen Hofes nicht anderweitig nachweisen kann, bleibt die Vermutung bestehen, er sei ein landwirtschaftlicher Nachfolgebetrieb unmittelbar neben dem“Schlößchen“ gewesen und habe vielleicht unter Mitbenutzung von dessen Baulichkeiten bestanden. Erst nach seiner Aufgabe – vielleicht im 17. Jhdt. – machten sich dann ausgerechnet die Pfaffen-Beerfurther daran, das noch vorhandene, schöne Steinmaterial auszubeuten. Es wäre dies eine Erklärung dafür, daß dieses Steinmaterial noch so lange an Ort und Stelle geblieben war, wenn auch das herrschaftliche Schloß längst schon nicht mehr als solches bestanden haben mag.

War aber dieser Hof gemeinschaftlich, dann muß es das „Schlößchen“erst recht gewesen sein, d. h. seine Erbauung muß in die Zeit vor dem besitzmäßigen Fußfassen der Schenken von Erbach um den Reichenberg um 1200 bis 1220 stattgefunden haben. Das hieße: hochstaufische Epoche, vielleicht noch 13. Jhdt. !

Es ist wahrscheinlich, daß die erbachische Hälfte mit dem großen Erbanfall des Reichenbergs an die Schenken gekommen ist, während die andere Hälfte noch bei den „Crumbachern“‚ blieb, einschließlich Cent und kirchlicher Zugehörigkeit. Der „Zehnte“ jedoch scheint mit dem Patronat (von Kirchbeerfurth) gleich an Erbach übergegangen zu sein. Die alt-crumbachische und bereits in der Mitte des 13. Jhdts. erbachische Vasallenfamilie der „Kilian“ verkaufte ihn 1335 mit Einwilligung ihrer erbachischen Lehnsherren an Albrecht Echter und Wortwin Ungelaube. Er ging dann durch mehrere Hände und fiel schließlich an Erbach zurück. Allerdings – und das ist auffällig – scheint er immer der alten Linie Erbach-Erbach gehört zu haben. Darum ist durchaus zu fragen, ob Erbach-Michelstadt evtl. erst durch eine Mitgift von Seiten einer  Erbacher Schenkin in den Besitz von halb Kirchbeerfurth gelangt sein könnte. Und in der Tat besteht diese Möglichkeit. (Mehr soll hier damit nicht gesagt werden.): Heinrich I. von Erbach-Michelstadt (1349-1387) war verheiratet mit Anna, einer Tochter Conrads IV. v. Erbach-Erbach (1333-1381). Die pfälzische Lehnshoheit war seit 1307/1311 eine erzwungene Pflicht und somit ohne besitzgeschichtliche Bedeutung.

Anders ist es mit der wertheimischen (oder breubergischen?) Lehnshoheit über die rodensteinische Dorfhälfte. Im Wertheimer Archiv (FLwGA Nr. 135) liegt ein umfangreiches Aktenstück über einen diesbezüglichen Streit zwischen Wertheim und Rodenstein. Darin wird wertheimerseits behauptet, das Dorf – d. h. die eine Hälfte – sei erst seit 1436 an Rodenstein verlehnt worden und auch sei es nicht breubergisches, sondern wertheimisches Lehen wie übrigens auch ein wertheimisches Teillehen an die Schenken v. Erbach-Erbach in Bockenrod (vielleicht den Gemarkungsteil nördlich des Baches!) . Rodenstein hatte behauptet, dieser sein Beerfurther Anteil sei Eigengut. Es scheint, als stimme beides in gewisser Weise: um l440 sind die beiden letzten Crumbacher urkundlich bezeugt: ein Otto und seine Gemahlin Elisabeth (Retter, Hess. Nachr. II, 244) Hier erst scheint Rodenstein den Kirchbeerfurther Anteil geerbt zu haben, möglicherweise vermeintlich als Allod. Tatsächlich aber war er schon vorher von Crumbach an Wertheim aufgetragen worden, vielleicht als Besitzsicherung. Den genauen Vorgang dieses Übergangs an Wertheim wollen wir hier nicht einmal zu vermuten wagen. Er kann recht verschieden gewesen sein. Denkbar ist ein Zusammenhang mit der Höchster Vogtei, ebenso aber mit den Vorbesitzern der Cent Kirch-Brombach. Denkbar ist eine Verquickung mit den Güterveräußerungen des Schenken Gerhard III. v. Erbach um 1300 und schließlich sogar eine Stufe von Zwischenbesitz in den Händen der Herren von Bickenbach a. d. Bergstraße.

Um 1250 errichtete Schenk Eberhard III. v. Erbach, Schwiegersohn Gottfrieds von Bickenbach, die Grundanlage des heutigen Schlosses Reichenberg. Was vorher dort gestanden hatte (?) wissen wir nicht. Die neue Burg sieht ihrem Grundriß nach dem kurz vorher erbauten Alsbacher Schloß an der Bergstraße verblüffend ähnlich. Es sieht so aus, als hätte man erbachischerseits das „urlate herrschaftliche Schloß“ über Kirch-Beerfurth nicht mehr benötigt. Von den niederadligen Zehntinhabern, die wir oben erwähnten, hat scheint’s auch nie jemand dort gehaust, sonst wäre das in den Lehnsverkäufen wohl erwähnt worden.

Es sieht also so aus, als sei dieses Schlößchen schon spätestens seit der Mitte des 13. Jhdts. seiner wehrhaften Funktion entkleidet gewesen. Ob es eine gewaltsame Zerstörung gegeben hat oder nur eine schlichte Aufgabe, das läßt sich vor einer gründlichen archäologischen Untersuchung nicht sagen. Doch ist sozusagen ein längerer Fortbestand als baulicher Rückhalt des Kirchbeerfurther Hofs „auf der Alme“ nicht auszuschließen. Vielleicht war der sogar bis ins 15. J hdt. hinein ein Restbesitz der letzten Crumbacher, wenigstens zur Hälfte. Ob auch die Erbacher da anfangs noch hineinspielten, wissen wir auch nicht. Bezüglich Gerhards III. oder seines Vaters Gerhard II. wäre es nicht unmöglich. Die Bezeichnung „uraltes herrschaftliches Schloß“ dürfte wohl stimmen.

Hinweis auf die wichtigste Literatur:

Gustaf Simon: Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach u. ihres Landes, 1858

Elisabeth Kleberger:Territorialgeschichte des hinteren Odenwalds, 1958

Georg Schäfer: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen: Kreis Erbach. 1891

Alfred Friese: Der Lehenhof der Grafen v. Wertheim im späten Mittelalter, 1955