Georg Wagner, Schnellertsbericht 1979, S.30-33.

Lange Jahre war die Ruine auf dem Schnellertsberg von einem undurchdringlichen Geheimnis umwittert. Niemand wußte etwas genaues zu sagen über die Vergangenheit der verfallenen und abgeräumten Burg. So ist es nicht verwunderlich, daß sie zum Gegenstand von recht wundersamen Geschichten und schaurigen Sagen wurde, die wahrscheinlich doch niemand so recht zu glauben vermochte.

Zahlreich sind die Versuche gewesen, die Schnellertsburg aus dem Dunst der Sage herauszuholen und sie in einen festen geschichtlichen Rahmen einzuordnen. Erwähnung verdienen besonders die Grabungen und Deutungsversuche von Revierförster Hoffmann zu Roßdorf und Professor Anthes im 19. Jahrhundert. Aber ihre Bemühungen blieben vergebliche Versuche, die zu keiner Klärung der geschichtlichen Vergangenheit der Schnellertsburg führten.

Nachdem sich seit 1976 die Forschungsgemeinschaft Schnellerts e.V. der Ruine angenommen hat, werden nun planmäßig in den Sommermonaten systematische und auf wissenschaftlicher Basis beruhende Sicherungs- und Konservierungsarbeiten an den noch vorhandenen Trümmerresten durchgeführt. Schon heute sind greifbare Ergebnisse zu verzeichnen, die eine relativ genaue Datierung des Lebens auf dem Schnellerts in groben Umrissen gestatten. Die bisher gemachten Funde, vor allem einige Silbermünzen, ermöglichen es, den Zeitraum zu bestimmen, in dem Menschen auf dem Schnellertsberg wohnten. Wolfram Becher, der sich in den bisherigen Schnellertsberichten bemüht hat, die Burg in die lokalen Zusammenhänge einzuordnen, schätzt die Existenz der Burg von etwa 1220 bis etwa 1400. Dabei ist jedoch nicht auszuschließen, daß sie bereits einige Jahrzehnte früher erbaut worden sein könnte. Anlaß zu dieser Vermutung gibt ein Vergleich der Grundrißpläne der Schnellertsburg und der Kernburg der Kaiserpfalz in Gelnhausen. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Von dieser Kernburg weiß man, daß sie zur Zeit des Kaisers Barbarossa (1152 – 1190) errichtet wurde.

Als die Schnellertsburg erbaut wurde, herrschte im Deutschen Reich das Geschlecht der Staufer, als deren hervorragendster Vertreter Friedrich II. (1212 – 1250) aus dem fernen Sizilien sein riesiges Imperium zu steuern versuchte. Daß er sein Leben lang sich in ständiger Auseinandersetzung mit dem Papsttum befindet, ergibt sich aus den jahrhundertealten Spannungen zwischen weltlicher und geistlicher Macht.

Geistig ist jene Zeit erfüllt von dem Kreuzzugsgedanken, der immer wieder in gewissen Zeitabständen von 1096 – 1270 die Ritterschaft aus Westeuropa in Richtung Palästina aufbrechen läßt, um das Heilige Land von den Arabern zu befreien. Nicht immer jedoch gelangen die Kreuzritter an ihr Ziel und nicht immer sind sie von edlen Vorsätzen beseelt.

Auf einem der Kreuzzüge entsteht im Jahre 1190 der Deutsche Ritterorden, der sich dann später im Osten an der Ostseeküste im Baltikum christianisierend und kolonisierend betätigt. Sein Machtbereich erstreckt sich schließlich von der Oder bis zum Finnischen Meerbusen. Danzig erhält 1226 deutsches Stadtrecht und entwickelt sich zu einem bedeutenden Handelsplatz.

Mit den Kreuzzügen kommen auch neue Produkte nach Europa, wie der Buchweizen‚ der Mais, der Pfeffer, der Reis, Zitronen und Aprikosen. Glas- und Seidenherstellung werden ebenfalls vom Orient übernommen. Der Kontakt mit den Arabern führt zu Verbindungen mit der hochstehenden islamischen Wissenschaft. Vor allem aber findet das Abendland wieder den Zugang zu den verschütteten Werken der Antike. Nach 1200 sind alle Schriften des Aristoteles und sein logisches Verfahren wieder verfügbar und werden nach anfänglichen Verboten schließlich zum Gemeingut der westeuropäischen Gelehrten. Im philosophischen System des Thomas von Aquin (1225 – 1274) sind die Gedanken des Aristoteles eingearbeitet. Man will jetzt die geoffenbarte Wahrheit durch die Vernunft begreifen.

Als Leben auf dem Schnellerts ist, entstehen und blühen neue Städte auf, die es immer wieder verstehen, sich der Macht der Feudalherren zu entziehen und unter dem Schutze der Reichsgewalt eine neue Kultur, die städtische Kultur, zu entwickeln. Stadtluft macht frei. Obwohl das Land nach wie vor die ökonomische Lebensgrundlage bleibt, übernimmt die Stadt die Führung der Wirtschaft. Die Stadt wird zum Mittelpunkt des Verkehrs, wo Güter und Menschen zusammenströmen. Dort entstehen auch die großen Dome und Kathedralen.

Die Städte werden zu Mittelpunkten des Handwerks und des Handels, der durch die Kreuzzüge besonders im Mittelalter einen nie gekannten Aufschwung nimmt. Die Handwerker in den Städten ordnen sich in Zünften und nehmen aktiven Anteil an der Verwaltung ihrer Stadt. In der Stadt unterliegt das Wirtschaftsleben einer strengen Ordnung. Es gilt der Grundsatz: Wo zwei ihr Auskommen haben können, soll einer nicht alles verdienen.

Es entstehen die ersten Manufakturen und damit auch neue soziale Kämpfe. Aus Italien breitet sich durch die Vormachtstellung der italienischen Handelsstädte das Bankwesen über Europa aus. Die ersten „Bankrotte“ werden verzeichnet. (banca rotta – zerbrochene Bank). In der Textilindustrie setzt sich die frühkapitalistische Produktionsweise durch.

Die Anfänge der modernen Buchhaltung gehen auf den Beginn des 13. Jahrhunderts zurück, als in den italienischen Handelsstädten systematische Aufzeichnungen über die getätigten Geschäfte vorgenommen werden. Deshalb auch die aus dem Italienischen stammenden Bezeichnungen wie Konto, Debitor, Kredit, Kreditor, Bilanz usw.

Auch in Deutschland werden die Städte zu einer gefürchteten Macht. Die Gemeinsamkeit ihrer Handelsinteressen führt zu politischen Zusammenschlüssen. Besonders genannt werden muß hier der im Jahre 1283 gegründete Bund von 90 Städten der Hanse mit seiner Hauptstadt Lübeck. Die Hanse ist im Bereich der Nord- und Ostsee so stark, daß sie eine eigene Kriegsflotte unterhalten und Königen ihre Bedingungen diktieren kann.

Die Kirche als Erbin und Verwalterin der antiken Kultur besitzt im Westen Europas das Monopol der Bildung, in deren Genuß allerdings nur sehr wenige Auserlesene kommen können. Zudem muß sich der Studierende mühsam dem Studium der lateinischen Sprache unterziehen. In Italien entstehen die ersten Universitäten, wahrscheinlich schon, bevor sich auf dem Schnellerts Leben regt. Frankreich sieht im 13.Jahrhundert ein bewegtes geistiges Leben. Man baut in Paris die berühmte Kathedrale von Notre Dame. In Frankreich befinden sich die führenden Hochschulen in Europa. Immerhin werden dort schon im Jahre 1209 die ersten Studentenstreiks vermeldet. Diese sind eine Erscheinung, die immer wieder in der Folgezeit das Geistesleben in einer schöpferischen Unruhe halten wird. Im Deutschen Reich erfolgt die Gründung der Universitäten erst sehr viel später. Aber es ist sicherlich noch Leben auf dem Schnellerts, als im Jahre 1348 in Prag und 1386 in Heidelberg die ersten deutschen Universitäten entstehen. Letztere wird vom Pfalzgrafen und späteren König Ruprecht gestiftet, der wahrscheinlich der Urheber des Endes der Schnellertsburg war. Er ist übrigens der Schrift unkundig, wie noch viele seiner Vorgänger im Königsamte.

In England werden mit der Magna Charta im Jahre 1215 die Voraussetzungen geschaffen für eine erst viele Jahrhunderte später einsetzende Demokratisierung der europäischen Länder. Die Rechte des englischen Königs werden beschnitten und den Freien des Landes werden bestimmte Freiheitsrechte zum Schutze gegen die Willkür des Herrschers eingeräumt. 1284 kommt Wales unter die englische Krone, und seit jener Zeit ist der älteste Königssohn in England der „Prinz von Wales“.

In Deutschland zerbröckelt mit dem Tode Friedrichs II. die Zentralgewalt vollends zugunsten der Landesherren und das Land leidet unter den ständigen Fehden und Erbauseinandersetzungen der Feudalherren. Die großen Leidtragenden sind vor allem die Bauern, zu deren Lasten die Herrschenden regieren. Erwähnt sei das Interregnum, die „kaiserlose, die schreckliche Zeit“ (1254—1273), an dessen Ende mit Rudolf von Habsburg ein neues Geschlecht in den Ablauf der deutschen Geschichte bestimmend mit eingreift.

Im 13. Jahrhundert bricht aus der Karakorumwüste der gewaltige Sturm der Mongolen los, der die mongolischen Reiterscharen nach Mittel- und Kleinasien sowie in die westliche Welt des christlichen Machtbereiches führt. In den Weiten Rußlands verlieren außer Nowgorod die russischen Fürstentümer ihre Unabhängigkeit und werden den Tataren tributpflichtig. Das erste russische Reich, das Kiewer Reich, geht 1240 unter und zerfällt in zahlreiche Teilstaaten. Dies führt dazu, daß das durch Polen-Litauen und den Ordensstaat vom westlichen Abendland getrennte Rußland völlig den wirtschaftlichen und kulturellen Anschluß an den Westen verliert und die russische Politik in der Neuzeit immer wieder unter dem Zwang des Nachholens und Lernens vom Westen steht. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelingt es den Russen, sich allmählich vom Tatarenjoch zu befreien. Es beginnt nun der langsame und stetige Aufstieg des Großfürstentums Moskau zu einem neuen machtpolitischen Zentrum und zur Kernzelle des russischen Zarenreiches.

Nach Osten hin erobern die Mongolen einen Teil des Chinesischen Reiches. Es ist die Zeit des Dschingis Khan und seiner berühmten Nachfolger. Um die Wende des 14. Jahrhunderts kommt die erste Kunde von dem fernöstlichen Reich nach Europa. Die Berichte des Marco Polo aus Venedig, der 25 Jahre seines Lebens in dem von Mongolen eroberten Teil Chinas tätig war, klingen für die europäischen Ohren so wundersam, daß sie zunächst keinen Glauben finden und in das Reich der Fabel verwiesen werden. So berichtet Marco Polo über ein dichtes Netz staatlicher Poststationen, von der Feuerwehr in den großen Städten, der statistischen Erfassung der Bevölkerung, vom Gebrauch von Papiergeld, der Organisation der städtischen Märkte und dem Wegesystem.

Für die Menschen ist das Leben zu der Zeit kein Zuckerschlecken. Es ist mit zahlreichen Gefahren verbunden. In den eng gebauten Städten brechen verheerende Feuersbrünste aus. Todbringende Krankheiten suchen die Menschen heim. So kommen 1348 etwa ein Drittel der Menschen in Westeuropa durch die gefürchtete Pest ums Leben. Die Lepra, eine schreckliche Hautkrankheit, die von den Kreuzzüglern nach Europa eingeschleppt wird, schließt die davon Befallenen aus jeder menschlichen Gemeinschaft aus.

Das von den Chinesen erfundene Pulver kommt auch in Europa in Gebrauch und verändert total die Kriegstechnik. Der Untergang der Ritterschaft ist nunmehr nur noch eine Frage der Zeit, zumal sie sich wegen mangelnder ökonomischer Basis immer mehr dem Raub zuwendet und sich somit den Zorn der wirtschaftlich Stärkeren zuzieht. Auch der Schnellertsburg wurde das Pulver zum Verhängnis, wie die im Jahre 1978 gefundene steinerne Kanonenkugel vermuten läßt.

Aber auch die Natur macht den Menschen das Leben nicht gerade zur Freude. Sturmfluten der Nordsee benagen die deutsche Küste und bringen Land unter Wasser. 1218 entsteht so der Jadebusen und 1277 der Dollart.

Vieles, was der Mensch erschafft, überdauert nur eine kurze Zeit, auch die Schnellertsburg macht davon keine Ausnahme. Menschen haben sie gebaut, dort etwa 200 Jahre gelebt und sie schließlich wieder zerstört. Was geblieben ist, ist eine Ruine, die uns Heutigen das Rätsel über ihre Vergangenheit aufgibt. Vielleicht gelingt es, dieses Rätsel eines Tages doch ganz zu lösen.