Heinz Bormuth, Schnellertsbericht 1979, S. 18-22.

Während nach dem Abzug der Römer im kristallinen Odenwald das heimische Gestein weitgehend unbeachtet blieb, zeugen zahlreiche steinerne Gegenstände aus verschiedenen Epochen von der sehr intensiven und kontinuierlichen Tätigkeit örtlicher Steinmetze im Buntsandsteingebiet. Gerätschaften aus dem bäuerlichen Alltagsleben wie Tröge, Krautständer, Näpfe, Keller- und Beschwersteine, Bestandteile des Hauses wie Fenster- und Türsimse, Kellerschieber, Platten, aber auch Mahlsteine, Stellsteine und vieles andere mehr beweisen, welch große Rolle der Sandstein in der Vergangenheit gespielt hat. In den Wäldern unserer Heimat finden sich heute noch Reste der Arbeitsplätze heimischer Steinmetze. Während aber die großen Werkplätze am Main und Neckar, von denen durch die günstigen Verkehrsanbindungen schon im Mittelalter Steine zu den kunstgeschichtlich interessanten Großbauten geliefert wurden, längst von Fachleuten untersucht sind, blieben die Arbeitsplätze der Odenwälder Steinmetze weitgehend unbeachtet, lediglich Einzelstücke fanden gelegentlich Interesse. (1) Daß dort aber nicht nur Gebrauchsgegenstände gearbeitet wurden, beweisen die zahlreichen Kleindenkmale aus Sandstein im hinteren Odenwald. Bildstöcke, Grenzsteine und auch Steinkreuze sind zum großen Teil in heimischen Betrieben entstanden. Noch heute liegt am „Steinert“ (bei Zell) ein verhauenes Steinkreuz (2), an einem Hang, an dem sich begonnene Mahlsteine ebenso finden, wie die legendären „Suppenschüsseln“. (3)

Auch das sogenannte Judenkreuz von Schönnen ist, wenn nicht alles täuscht, ein angefangenes Steinkreuz. Nimmt man dazu die ausgesprochene Flurdenkmalarmut des kristallinen Gebietes, dann ist unsere Behauptung wohl hinlänglich bewiesen.

Leider hat sich bisher niemand die Mühe gemacht, die steinernen Denkmale  des Odenwaldes vergleichsweise zu betrachten, um eine gemeinsame Herkunft oder auch nur Hinweise auf örtliche Traditionen in der Bearbeitung festzustellen. Einen Versuch hierzu hat der Verfasser bei der Inventarisierung der Erbacher Steinkreuze unternommen. (4) Der Intensivierung dieses Versuchs soll dieser Aufsatz dienen, in dem zugleich die typische Steinkreuzsage dieser Region behandelt wird – die Sage vom Spinnmädchen.

In der Umgebung der Böllsteiner Höhe, der Grenze zwischen Buntsandstein und kristallinem Gebirge, gibt es einige Steinkreuze, die durch mancherlei Gemeinsamkeiten zu einer vergleichsweisen Betrachtung anregen. Sie fallen schon dadurch auf, daß der Volksmund für sie denselben Namen, Spinnmädchenkreuze, hat und die Entstehung fast eintönig mit der Sage vom ermordeten Spinnmädchen erklärt wird. Da ist zunächst das Kreuz von Wallbach. Mit 60 cm sichtbarer Höhe zwar erheblich kleiner als die beiden Vergleichsobjekte in Kirchbrombach (65 cm ohne Kopf) und Mittel-Kinzig (175 cm) hat es doch die gleichen Bearbeitungsmerkmale wie die beiden größeren Kreuze. Die Kanten sind stark abgefast und im Schnittpunkt der Balken befindet sich erhaben dargestellt eine Scheibe. Auf der Rückseite ist ein kleines Kreuz herausgearbeitet. Das Kreuz steht im Verlauf einer alten Straße, deren Spuren im Gelände zwar noch sichtbar sind, die aber heute nicht mehr begehbar ist. Die Sage berichtet, daß bei dem Kreuz einmal ein Spinnmädchen getötet worden sei.

Das zweite Untersuchungsobjekt steht in der Gemarkung Kirchbrombach, in einem Sockel steckend, am Daubenberg. Auch dieses Kreuz hat sehr stark abgefaste Balkenkanten und im Schnittpunkt der Balken erhaben die Scheibe, hier aber wie ein Sieb ausgearbeitet. Auch von diesem Kreuz wird erzählt, es sei einmal ein Spinnmädchen auf dem Heimweg von der Spinnstube getötet worden. Der Kopfbalken des Kreuzes ist verstümmelt, so daß die volle Höhe nicht mehr nachgemessen werden kann.

Das dritte Kreuz steht in einer Hecke neben der Landstraße Ober-Kinzig-Mittel-Kinzig. Das Kreuz ist wesentlich höher als die beiden anderen Denkmale. Die Balken haben aber ähnliche Fassungen und endlich finden wir auch hier, an der der Straße abgewandten Seite des Kreuzes, die schon von den anderen Denkmalen bekannte Scheibe, in der heute der Klammerhaken der Stütze befestigt ist. Auch hier soll einmal ein Spinnmädchen ermordet worden sein.

Erhabene Scheibendarstellungen oder auch eingerillte Kreise finden sich gelegentlich auf Steinkreuzen und haben in der Vergangenheit zu erheblichen Mißdeutungen geführt. Besonders beliebt war die Erklärung der Scheibe als Sonnensymbol. Am bekanntesten ist wohl das Steinkreuz bei Bad Salzschlirf geworden, das nach eben dieser Darstellung vom Volksmund als „Pfannkuchenstein“ bezeichnet wird. Was man hier als Pfannkuchen ansieht, ist in Wirklichkeit die Scheibe, die wir von unseren Odenwälder Denkmalen kennen. Gerade zu diesem Stein gibt es eine ganze Reihe von Erklärungsversuchen, von denen allerdings nur wenige ernst genommen werden können. Dabei spielen die zusätzlich auf den Quer-Armen angebrachten Kreuze eine Rolle. (5) In der christlichen Ikonographie sind Scheibe und Kreis Sinnbilder des Vollendeten, der Gottheit selbst, sodaß die Scheibe wohl Christus darstellt. (6) Da wir das Vorbild unseres unbekannten Steinmetzen nicht kennen, ist jeder Versuch, die Scheibe in der einen oder anderen Richtung zu interpretieren, nichts anderes als Spekulation. Was aber diese Darstellung immer bedeuten mag, wichtig ist, sie ist die Handschrift des Steinmetzers und nicht das Attribut der Person, für die das Denkmal gesetzt worden ist. Dieses hat der Steinmetz in Mittel-Kinzig auf der Straßenseite des Denkmals in Form des Speichenrades, wohl für einen Müller oder Wagner stehend, zusätzlich angebracht. Deutlich von diesen drei Denkmalen unterschieden ist das Kreuz von Obermossau. Auch hier fallen die abgefasten Kanten ins Auge, doch fehlt die vorbeschriebene  typische Scheibe. Dafür sind auf den Querarmen und im Schnittpunkt der Balken Kreise dargestellt, die wohl als Wundmal-Symbole verstanden werden müssen, wie man sie in der Sakralkunst schon recht früh als crux gemmata findet. (7) Ein weiteres Kreuz stand bis vor einigen Jahren in Hembach und wurde dann angeblich in einen Hühnerstall eingemauert. Leider kann sich niemand mehr an die Form des Denkmals erinnern.

Von beiden Kreuzen wird die bekannte Spinnmädchen-Geschichte erzählt. Damit gehören sie zum Kreis der Spinnmädchenkreuze um die Böllsteiner Höhe, während das Kreuz von Raibreitenbach, von dem die gleiche Sage überliefert ist, zu weit abseits von unserem Untersuchungsgebiet liegt.

Wo ist nun unser Steinmetz mit den Scheibendarstellungen zu suchen? Ich meine, am ehesten in den ausgedehnten Blockmeeren des Steinerts bei Langenbrombach, dort, wo noch heute das Steinkreuzwerkstück liegt, dürfte er seine Werkstatt gehabt haben. Außer diesem Werkstück lassen sich derzeit allerdings dafür keine Beweise vorbringen.

Gemeinsam ist all diesen Kreuzen die Sage vom Spinnmädchen und vom gewaltsamen Ende dieses Mädchens auf dem Heimweg von der Spinnstube. So ist die Sage vor Jahren noch von Erwin Meyer und Friedrich Mössinger (9,10) aufgezeichnet worden. Der Verfasser hat dagegen bei seinen Befragungen nur noch erfahren können, daß bei den Kreuzen einmal ein Mädchen erschlagen worden sei. Die nähere Bezeichnung der Getöteten war selbst den älteren befragten Leuten nicht mehr gegenwärtig, wohl aber das Grundmotiv der Sage, der Mord an der jungen Frau. Die Sage ist ohne Zweifel eine Wandersage, die durch die Scheibendarstellungen begünstigt wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat sie aber einen historischen Kern, wobei durchaus denkbar ist, daß Ereignisse aus jüngerer Zeit ältere Überlieferungen verdrängt haben, wie wir das etwa bei den Franzosenkreuzen von Roßdorf beobachten können, die, obwohl sie schon im Salbuch von 1589 erwähnt werden, in der Volksüberlieferung als Gräber französischer Soldaten der Befreiungskriege gelten . (11)

Gewaltverbrechen an jungen Frauen und Mädchen, aus welchen Motiven auch immer, waren früher so häufig wie heute, wie dies etwa eine lange Inschrift auf einem Steinkreuz von Krumbach im badischen Odenwald (das sogenannte Kätelerskreuz) beweist. (12) Eine derartige Untat, die die Bevölkerung im weiten Umkreis sehr erregte, kann der historische Kern der Sage vom ermordeten Spinnmädchen sein.

Hier ist es an der Zeit, sich mit dem Begriff Spinnmädchen oder Rockenmagd zu befassen, von dem unsere Kreuze ihren volkstümlichen Namen haben. Man verstand darunter ein Mädchen, das nach der Tagesarbeit zur Spinnstube (im badischen Odenwald: Vorsetz) ging, wo in gemeinsamer Arbeit der geerntete und zu Werg verarbeitete Flachs zu Garn versponnen wurde. Nicht die Arbeit, sondern die Geselligkeit war das Anliegen der Spinnstuben. Hier traf sich die Dorfjugend, denn nach dem „Achtesprung“ gesellten sich auch die Burschen dazu, die schon vorher durch allerhand Unfug an den Fenstern auf sich aufmerksam gemacht hatten. An die Arbeit schloß sich ein munteres Tänzchen an, Pfänderspiele und andere Dinge, kurz, das Treiben der ausgelassenen Jugend, die in ihrem Betätigungsdrang auf das Dorf beschränkt war. Verständlich, daß in den Spinnstuben mancher Lebensbund begründet wurde (13). Verständlich auch, daß die eifersüchtige Dorfjugend nicht gerne sah, wenn etwa eine Dorfschöne sich zur Spinnstube in den Nachbarort begab. Sie wurde als liederliches Mädchen angesehen. (l4)

Die Sagenforscher haben immer wieder den sagenfördernden Charakter der Spinnstuben betont. Ganze Sagen- und Volksliedersammlungen sind unter dem Titel Spinnstube erschienen. Zwar war das Drehen des Rades mit dem Fuß und das Zupfen des Werges mit der Hand nicht ganz einfach und manch ungeschicktes Mädchen rief aus. „Wenn ich tretele, kann ich net rupfele“. (16) Wer aber den Rythmus einmal beherrschte, für den war das Spinnen eine rein mechanische Tätigkeit ohne größere geistige Konzentration. Im Gegenteil, ein altes Sprichwort sagt in Bezug auf das Spinnen: “Schweigen erschwert das Rudern“. (17) So wurde beim Spinnen munter getratscht, gesungen und erzählt, manch alte Geschichte wurde aufgewärmt und manch neue Geschichte erfunden. Da wurden auch Spukerlebnisse und Geistergeschichten vorgetragen, was den Spinnstuben in der Aufklärungszeit den Ruf einer Brutstätte des Aberglaubens eintrug. Unsinnige Prüderie sah in den Spinnstuben-Begegnungen der jungen Leute “Hurenschul- und Diebsversammlungen“. (19)

Wer aber Vorstellungskraft genug besitzt, sich in eine Gesellschaft junger, ausgelassener Leute jener Zeit zu versetzen, denen die Spinnstube die einzige Unterhaltungs- und Kommunikationsmöglichkeit bot, der kann sich gut vorstellen, wie man sich gegenseitig mit Spuk- und Geistergeschichten Angst machen wollte. Zwar musste man diese aufregenden Geschichten zunächst recht tapfer ertragen, aber auf dem langen Heimweg in der finsteren Winternacht ist dann sicher mancher Spuk tatsächlich erlebt worden. Gelegentlich werden die unheimlichen Geschichten wohl auch gezielt vorgetragen worden sein, etwa um einem Mädchen den Weg zur Spinnstube des Nachbarortes zu verleiden. Wie gut paßt dazu die Sage vom Spinnmädchen, das bei dem unheimlichen Mordkreuz auf dem Heimweg von der Spinnstube umgebracht wurde.

In einzelnen dieser Sagen spürt man direkt den mahnend erhobenen Zeigefinger, etwa in der Weisbacher Sage vom bestraften Übermut eines Spinnmädchens, das trotz Warnung zur Vorsetz ging (20) oder in einer Sage aus dem Frankenland, wo das Mädchen gegen den Willen seines Burschen die Spinnstube des Nachbarortes aufsuchte. Diese Sage wird noch weiter ausgeschmückt. Um dem Mädchen eine Lektion zu erteilen, versteckt sich der Bursche im Wald, mit einem Sack verkleidet. Das beherzte Mädchen schlug mit dem Spinnrad auf den vermeintlichen Geist ein und verletzte ihn tödlich. (21) An der wohl bekanntesten Odenwälder Spinnmädchen-Sage – der Sage von der Rockenmagd – läßt sich die Wandlung von der Grundform zum Drama recht gut verfolgen. (22) Auch diese Sage ist eine Erklärungssage, die die Darstellung auf einem heute verlorenen Bildstock als Bild eines Spinnmädchens, das dort ermordet wurde, interpretiert.

Die hier behandelte Sage bringt in keinem Fall Licht in das Dunkel, das die Errichtung der Steinkreuze in fast allen Fällen umgibt. Sie versucht, sie anhand der Zeichen aus der Erzählsituation heraus zu erklären.

Zeichnungen nach Fotos von G. Glieschke und F. Stein

 

Anmerkungen

  1. G. Güterbock: Frühmittelalterliche Trapezsärge aus dem Odenwald, in: Der Odenwald‚ Jg. 1961, Heft l, S 3 -11
  2. K. F. Azolla, H. Bormuth, u. H. J. Trautmann: Das Steinkreuzwerkstück bei Langenbrombach im Odenwaldkreis, in: Fundberichte aus Hessen 13. Jg.(373), S 225 ff.
  3. it: Die Suppenschiissel und ihr Nachbar, in: Erbacher Wochenblatt,Beilage zum Darmstädter Echo v. 26.3.7o
  4. H. Bormuth, G. Glieschke: Steinkreuze im Odenwald, in: Die Heimat (Erbach), 51. Jg. (1976), Nr. 7 .
  5. Für wertvolle Hinweise zum Pfannkuchenstein danke ich Herrn Ferdinand Stein, Bad Salzschlierf, der auch das Bild zur Verfügung stellte.
  6. Klementine Lippfert: Symbol- Fibel. Kassel 1964,
  7. Heinz Bormuth: Das Steinkreuz von Obermossau‚ in: Die Heimat (Erbach), 1971, Nr. 5
  8. Die frdl. Mitteilung der Herren Dascher u. Blumenschein.
  9. Erwin Meyer: Steinkreuzsagen im Bereiche des Odenwaldes, in: Der Odenwald 1968, Heft: 2, Seite 48 ff
  10. F. Mössinger: Steinkreuze zwischen Rhein, Main und Neckar, in: Archiv für Hess. Geschichte NF XIX, Heft 1 (1935)
  11. H. Bormuth: Die Roßdorfer Steinkreuze, in Roßdorf. Beiträge zu seiner Geschichte, Ober-Ramstadt, 1975
  12. Max Walter: Vom Steinkreuz zum Bildstock, in: Heimatblätter vom Bodensee zum Main. Nr. 25 (1923)
  13. Elard Hugo Meyer: Badisches Volksleben im 19. Jhdt. Straßburg, 1900, Seite 173 ff.
  14. Karl Noack: Odenwälder Sitte, Brauch und Glaube, in: Karl Esselborn: Hessen-Darmstadt, ein Heimatbuch. Leipzig 1926, S. 165 ff
  15. Peter Assion: Weiße, Schwarze, Feurige; Sagen aus dem Frankenland, Karlsruhe 1972, Seite 39 ff
  16. H.Winter: Wenn ich tretele, kann ich net rupfele. in: Südhessische Post vom 13.11.1954
  17. Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 1974, Stichwort Spinnstube.
  18. wie Lit. 15, S. 4
  19. Ernst Schneider: Vom Mailehen zum Siebdrehen. Volkskundliches aus Speyrer Visitationsprotokollen, in: Soweit der Turmberg grüßt, Beiträge zur Kulturgeschichte Heimatgeschichte und Volkskunde‚ 10. Jg (1958) Unter Schulstube wird dabei wohl auf befürchtete politische Diskussionen hingewiesen. Unter dem Titel „Die Kunkelstube“ erschien um 1848 in Ulm ein Unterhaltungsblättchen mit eindeutig demokratischer Haltung. Es ist nicht auszuschließen, daß die Bekämpfung der Spinnstuben, mindestens zum Teil, aus politischen Gründen erfolgte.
  20. wie Lit 15, Sage 141.
  21. Franz Zettler: Die Flurdenkmäler des Landkreises Forchheim, in: Das Steinkreuz, Jg. 1954, Heft 1, 2. Sogen. Hexenkreuz von Langensendelbach.
  22. H. Winter: Die Sage von der Rockenmagd; in Heimatliches Erbe, Am Wegesrand. Bd. 1. Heppenheim 1. Jg. S. 144ff