Peter W. Sattler, Schnellertsbericht 1978, S. 31-33.

Die Bevölkerung des Odenwaldes nahm zunächst gar keine Notiz davon. Und auch die Presse tat anfangs gelangweilt. „Weltmeisterschaften im Feldbogenschießen“ – was solls? Nichts weiter als eine Veranstaltung reicher Privatiers, außerdem keine olympische Disziplin. Bringt das was? Nein, danke!

Die beiden im Odenwaldkreis miteinander konkurrierenden Tageszeitungen schickten zwar den obligatorischen Pressemann. Ansonsten ließ man die Weltmeisterschaften Sache der sogenannten freien Mitarbeiter sein. Der eine begnügte sich mit der Wiedergabe eines Stimmungsberichtes im Festzelt, der Reporter von der Konkurrenz ließ eine Sportamazone posieren, mit weitgespanntem Bogen, allerdings ohne aufgelegten Pfeil. Wie gesagt, dieser Sportart war man von Seiten der Presse äußerst mißtrauisch gegenüber eingestellt.

Dann allerdings wurden die Ereignisse in Brensbach-Stierbach mit einem Schlage weltweit aktuell: ein Bild- und ein Textreporter nahmen sich der scheinbar hoffnungslos zeitungsunwürdigen Sache an und das – allerdings nicht ganz frei von heimatlichem Patriotismus – mit hohem Engagement.

Am Samstag, dem 12 August 1978 waren die Weltmeisterschaften beendet, die Sieger gekürt. Da der Landrat des Odenwaldkreises die Siegerehrung vornahm, musste die Presse mit Bild und knappem Untertext darauf eingehen. Aber bereits am Vortag standen die Bogen-Stars der verschiedenen Disziplinen fest, soweit hatten diese inzwischen ihre Positionen ausgebaut. Was also lag näher, als diese Meldung sofort abzusetzen, um Erster zu sein? Gewiß, ein Wagnis. Was hätte nicht noch alles passieren können: das Platzen einer Bogensehne, das Zerspringen eines Bogens, Beinbruch (was übrigens tatsächlich vorgekommen ist, aber den Sieg trotzdem nicht beeinträchtigt hat) Entführung – gar nicht auszudenken! Um der heimischen Presse den Vortritt zu lassen, ging die Meldung zuerst aus Erbach nach Mainz zur Pressezentrale der Rhein-Main-Nahe-Pressegruppe. Nach einem mehrstündigen Vorlauf wurde dann mit BILD exklusiv verhandelt. Zehn Minuten später tickte dann der Fernschreiber auch bei „dpa“ die Meldung in alle Welt. Und das war der Text: „Deutscher Meister kommt aus Darmstadt – vom 7. bis 11. August fand die Weltmeisterschaft im Feldbogenschießen (IFAA) „rund um die Schnellertsburg“ im Südhessischen Brensbach-Stierbach statt. 250 Teilnehmer aus zehn Nationen – stärkste Nation war England mit 78 Schützen – trugen das Turnier im Odenwald aus. Das für Deutschland und vor allem für den Odenwald einmalige Ereignis wurde vom Darmstädter Club „Longbowman“ im Auftrag der Archery Association Europe (AAE) initiiert. Die Wettkämpfe fanden in den Disziplinen Compound Freestyle Unlimited, Compound Barebow, Recurve, Barebow, Compound Bowhunter, Bowhunter, Compound Freestyle Bowhunter, Compound Freestyle Limited und Freestyle Limited statt. Deutscher Meister in der Compound Freestyle Bowhunter-Klasse wurde Alexander Vogel aus Darmstadt. Hessischer Meister in der Freestyle Limited-Klasse wurde Heinrich Eberhardt, ebenfalls aus Darmstadt. In der Juniorenklasse Freestyle Limited wurde Markus Kräckelmann Sieger. Auch er kommt aus Darmstadt. Die meisten Weltmeistertitel errangen die Schützen aus den USA. “ Im Anschluß an diesen Text folgt die Auflistung der Weltmeistertitel.

Die Bild-Zeitung vom 12. August bringt zwei Bilder aus Brensbach-Stierbach und folgenden Text in ihrer Frankfurter Ausgabe: „. . . Wilhelm Tell im Odenwald: gestern endeten in Brensbach-Stierbach in Südhessen die Weltmeisterschaften im Feldbogenschießen. 250 Schützen aus 10 Nationen beteiligten sich. Vier Weltmeister kommen aus den USA, drei von ihnen verdienen als Profibogenschützen – man kann also davon leben – ihr Brot. Auch bei den Damen waren die US-Girls vorn. Veranstaltet hat das Ganze der Darmstädter Club „Longbowman“, und der durfte dann wenigstens mit Alex Vogel einen Deutschen Meister in der „Compound Freestyle Bowhunter-Klasse feiern. “

Am Freitag, den 11. August, stand noch nicht eindeutig fest, daß der erfolgreichste deutsche Teilnehmer, Alexander Vogel aus Darmstadt, die Spitze der Welt-Elite in seiner Bogen-Klasse anführen würde. Wie erst tags darauf bekannt wurde, ist der junge Darmstädter nicht nur Deutscher Meister, sondern auch Europameister und sogar Weltmeister geworden.

Nach BILD und „dpa“ kam dann auch die Lokalpresse in Schwung. Sehr ausführlich schrieb die „Südhessische Post“, Heppenheim: oft hört man die Frage, weshalb denn eigentlich die Weltmeisterschaft im Feldbogenschießen im hessischen Odenwald ausgetragen wurde. Das läßt sich einfach erklären: der Darmstädter Bogenschützen-Club „Longbowman“ ist einer der bedeutendsten seiner Art in Deutschland und hat durch die stationierten US -Streitkräfte ein gewichtiges Wort im AAE (Archery Association Eur0pe) und damit auch im IFAA (International Field Archery Association) mitzureden. Den Sekretär und Organisationsleiter des Darmstädter Clubs, Karl Vogel, verbinden mit den Inhabern des Hotel-Restaurants „Schnellertshof“ in Brensbach-Stierbach, Familien Heinz und Wilhelm Ihrig, persönliche Bande. Die beiden Gastwirtsfamilien richteten denn auch den gastronomischen Teil der Veranstaltung aus und zeichneten mitverantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Programms“. Weiter heißt es in dem Bericht: „Georg Dascher aus Ober-Kainsbach, der Initiator der „Forschungsgemeinschaft Schnellerts” freut sich, daß „sein“ Schnellerts durch die Weltmeisterschaften sozusagen weltweit bekannt geworden ist, vielleicht bekannter als durch die Rodensteiner-Sage, das Wilde Heer und den Wilden Jäger. . . “

Für eine Woche war der Odenwald in das internationale Interesse des Bogensports gerückt. Die Akteure mit Pfeil und Bogen hatten offensichtlich Gemeinsamkeiten entdeckt mit dem Schnellertsherrn, dem Schutzpatron der Spiele. Wilhelm Tell, Robin Hood und der Rodensteiner verschmolzen zu einer Person. Zugegeben- auch ein Stück angelsächsischer Historismus war mit von der Partie und spielte in der Überlegung der Organisation sicher eine mitentscheidende Rolle. Bleibt unter dem Strich: eine gute Portion kostenloser Reklame für den Odenwald, für Brensbach und – last not least – auch für die selbstlosen und fast publicity scheuen „Schnellertsleute“, wie sie sich in bescheidener Einfachheit selbst zu nennen pflegen.