Alois Meixlsperger, Schnellertsbericht 1978, S. 24-30.

Bogen und Pfeil sind eine uralte Jagd- und Kampfwaffe. Schon in der mittleren Würmeiszeit kannte man Pfeilspitzen aus Holz, Knochen, Geweih, Elfenbein und Reißzähnen. Erst in der Steinzeit wurde mit Steinspitzen auf Holzschäften die Pirsch auf schnelle Kleintiere und Flugwild möglich.

Pfeil und Bogen

Pfeil und Bogen

(Abb.1) Aus Felsmalereien der Steinzeit ist uns ihre Anwendung gegen Tier und Mensch überliefert. (2+3). In solch einfachen Formen ist der Pfeil vereinzelt auch heute noch im Urwald in Gebrauch. Die Kulturvölker der Frühzeit verfeinerten die Steinspitzen bis zur Vollendung und fertigten diese später aus Kupfer und Bronze, jedoch meist mit einem Dorn zum Einstecken in den Holzschaft. (4) Erst die Eisenzeit brachte die Vervollkommnung auch dieser Waffen im Altertum ( 5). Schon bald aber fertigte man die Pfeilspitzen mit einer Höhlung für den Schaft (6). Pfeilspitzen mit Widerhaken, Gift- und Brandpfeile sind weitere Arten. Auch für lautlose Nachrichtenübermittlung mittels des Pfeilschusses gibt es Beweise.

Zur besseren Stabilisierung des Pfeilfluges befestigte man am unteren Teil des Schaftes eine Fiederung, die bei schräger Anordnung einen Drall bewirkte. Das Schaftende ist in der Regel mit einer Einkerbung zum leichteren Aufsetzen auf die Bogensehne versehen.

Man unterscheidet verschiedene Bogenarten: der „einfache Pfeilbogen“ ist ein elastischer, aus Holz oder Bambus, vereinzelt auch aus Horn gefertigter, 0,8 – 3 Meter langer Bügel, dessen beide Enden mittels einer Sehne aus Pflanzenfasern, Rottang oder tierischen Sehnen straff miteinander verbunden sind (7). Als primitivste Ausführung kennen wir den „Astbogen“, dessen Spannung sich aufgrund der verschieden starken Enden ungleichmäßig auswirkt. (8). Der „zusammengesetzte Bogen“ War ursprünglich auf Asien begrenzt, fand dann über Vorderasien in den Mittelmeerländern Verwendung. Er besteht aus einem Holzkern, der in Griffgegend rund, dick und nahezu starr ist, sich aber nach den Seiten rasch verjüngt und dünn endet. Sein Holzkern ist häufig mit anderem Material verstärkt (9).

Die nordischen Völker fertigten ihre Bogen überwiegend aus Eibenholz, während z.B. die Italiener hierzu Stahl verwendeten. Der englische Bogen maß etwa 1,8 m , der deutsche l,2 m und der italienische l,5 m. Als merkwürdigste Abweichung kennen wir noch den „Kugelbogen“ (10) in einfacher und doppelter Art, mit dem Rundgeschosse aus Stein und Metall verschossen werden konnten. Zum Spannen des Bogens gebrauchte man Ringe an Fingern oder Hand. Als Schutzvorrichtung für Daumen und Unterarm kennen wir Ringspiralen, Binden, besonders aber Platten aus Holz, gebranntem Ton, Stein und Knochen, später vorwiegend lederne Schutzbinden, die mit Metall verstärkt waren (Abb.9/10). Tragbare Pfeilköcher (11) dürften so alt sein, wie die Pfeile selbst. Neben der meist einfachen Form gab es Prunkstücke, wie bildliche Überlieferungen von Kulturvölkern, oder Grabbeigaben, z.B. der Ägypter und Skythen bezeugen.

Schon in der Steinzeit nutzte man Bogen und Pfeil zum Kampfe Mann gegen Mann, wie der verwundete Krieger einer Felsmalerei (3) zeigt. Aus Skulpturen und Steinreliefs kennen wir die Waffenausstattung und deren Gebrauch von Kulturvölkern der Frühzeit und des Altertums. So stellten die Völker des Orients hervorragende Bogenschützen zu Fuß und zu Pferde (12). Hierin waren auch die Ägypter, Skythen und Karthager Meister. Besonders gefürchtet waren Bogenschützen auf Streitwagen (13) und plattformtragende Elefanten Hannibals in den Punischen Kriegen (l4). Aus dem Altertum werden Schußweiten bis zu 500 Metern berichtet, jedoch dürften diese in der Regel 300 m nicht überschritten haben. Die gebräuchlichste Schußentfernung lag bei 30 – 80 m, wobei die Wirkung im Ziel mit der Entfernung abnimmt.

Bei den Griechen und Römern waren Bogenschützen nicht besonders geachtet. Diese unritterliche Kampfweise überließ man gerne den geworbenen Hilfsvölkern, insbesondere den orientalischen. Später führten die Römer Pfeile größeren Ausmaßes ein, die mit Katapulten verschossen wurden. Die in Kastellen stationär eingesetzten Pfeilgeschütze waren schwenkbar. Daneben verwendete man in den Legionen, im offenen Kampf, Pfeilgeschütze, die auf Karren montiert gezogen werden konnten. (15) . Ihre Pfeilgeschosse maßen 67 – 137 cm und konnten bei einer mittleren Schußweite von 200 m noch mehrere Körper durchschlagen.

Während die Pfeilwaffen im Abendland bei den Ritterheeren nicht gerade beliebt waren, erklärte Mohammed ihren Einsatz zur Religionspflicht. So machten die reitenden Bogenschützen der Türken und Araber (16) den Kreuzfahrern schwer zu schaffen und verwirrten und dezimierten ihre starren Formationen durch die Technik der Nadelstiche, d.h. schnelle Angriffe kleiner Reitergruppen gegen Flanken und Rücken und sofortiges Ausweichen nach der Schußabgabe. Auch die englischen Bogenschützen (17) mit ihren mannshohen Bogen und l m langen Pfeilen waren berühmt. So wurde im Jahre 1415 bei Azincourt (südwestlich Arras) ein 60 000 Mann starkes französisches Ritterheer von den massiert eingesetzten Bognern Heinrichs I. trotz sechsfacher Unterlegenheit der Engländer vernichtend geschlagen. Während die Engländer bei dieser Schlacht nur 400 Mann verloren, betrugen die Verluste der Franzosen l0 000 Mann und den Großteil ihrer Pferde.

Die Armbrust kam über die Kreuzzüge in das westliche Europa. Schon die Griechen kannten eine Art Bauchspanner, ”Gastraphetes” (18) genannt. Zuerst überwiegend als Jagdwaffe (19) eingesetzt, fand die Armbrust, auch Armborst, Armst, Arbost, Arabaliste oder Arcuballista genannt, bald auch im Abendland Verwendung . Mit ihr verschoß man kräftige Bolzen. Aufgrund ihrer grösseren Schußkraft und besseren Treffsicherheit fand sie besonders im Festungskampf Anwendung. So stellte sich die Armbrust, technisch betrachtet, als die perfekteste Handwaffe dar, die es neben den Ende des 14. Jh. aufkommenden Handfeuerwaffen gab. Sie behauptete sich, neben den Pulverwaffen, noch bis in das 16. Jahrhundert. Eine interessante Ausführung stellt die chinesische Repetierarmbrust (20) dar, die als eine Art Vorläufer des Repetiergewehrs angesehen werden kann. Bei ihr konnte man mit dem Herabdrücken des Hebels die Armbrust spannen und laden, wobei aus einem aufgesetzten Magazin, das bis zu 20 Pfeile enthielt, ein Geschoß zugeführt wurde.

An Armbrustwaffen waren im Gebrauch: die Hakenarmbrust (21), die per Hand gespannt werden musste, die Geißfußarmbrust, deren Spannen bereits mit Hebelwirkung erfolgte, die Flügelwinden-Armbrust (22) mit komplizierter Flaschenzug-Spannvorrichtung‚ sowie die Armbrust mit deutscher Winde (23), die bis in das 16. Jh. Verwendung fand. Man verschoß Bolzen verschiedener Art und Größe (24) . Der Schaft des Armbrustbolzens war stärker ausgebildet, was die kurze Spannweite und stärkere Spannkraft erforderte. So sind auch die Bolzenspitzen an ihrer kräftigeren Ausführung erkennbar. Als eine besondere Art war noch die Kugelarmbrust im Gebrauch, die man „Schnepper“ oder „Balester“ nannte.

Der Einsatz von Bogen und Armbrust auf Mauern und Türmen.

Im Mittelalter war die zinnenartige Bewehrung von Mauern und Türmen, bis zum Aufkommen der Feuerwaffen ( 2. Hälfte 14. Jh.) voll ausreichend. Bestand durch die angrenzende Geländestruktur keine Gefahr für die Annäherung von Wurfgerät, Mauerbrechern und Belagerungstürmen, so genügten meist Mauerstärken von einem Meter. Schildmauern und die höheren Ringmauern der Kernburg dagegen waren naturgemäß stärker aufgeführt. Die Zinnenweite (25) musste genügen, den Schützen, besonders während des Aufziehens seiner Armbrust, vor feindlichem Beschuß zu decken, wogegen ihm die Zinnenlücke oder -scharte (26) gestatten, sich unbeengt zum Schuß und Wurf hinauszubeugen. In höheren Mauern finden sich zuweilen zwei und mehr Reihen von Wehrgängen (27), die man auch Rondengang, Umgang, Umlauf oder schlicht „der Lauf“ nannte. Die Schießstände waren meist so angeordnet, daß die oberen Schützen die Belagerer am Hang und im Vorgelände, die mittleren und unteren die Angreifer am Wall und im Graben wirkungsvoll bekämpfen konnten. Der Abwehrplan wurde dadurch ergänzt, daß aus vorkragenden Erkern und Mauertürmen – frontal gedeckt – der bis an die Mauer vorgedrungene Feind flankierend unter Beschuß genommen werden konnte. (28) . In Schützenständen, Schießkammern bzw. Schartennischen mußte ausreichend Raum für den Gebrauch von Bogen und Armbrust vorhanden sein (29,30), dagegen wurden die Schießscharten selbst sehr eng gehalten und das breitere Schußfeld durch trichterförmiges Abschrägen der Mauern nach innen erreicht. Bei Zinnenscharten alter Art schaffte man – meist erst kurz vor Kampfbeginn – Schutzvorrichtungen für die Schützen durch Anbringen von Läden verschiedener Art (31) . Schießscharten für Armbrustschützen gab es in vielen Arten; die gebräuchlichsten sind aus Abb. (32) ersichtlich.

Funde von vierspitzigen Fußangeln (33) zeigen, daß man dem Angreifer die Annäherung nicht allzu leicht machte. Da Bogen- und Armbrustschützen sehr beweglich sein mussten, waren sie nur wenig gepanzert. Um sie im offenen Gefecht, besonders aber im Belagerungskampf vor feindlichem Beschuß zu schützen, waren trag- und fahrbare Großschilde, die sogenannten Setztartschen, auch Blenden genannt, im Einsatz. Zum Schutz des schweren Schieß- und Belagerungsgerätes wurden sie von Bogen- und Armbrustschützen halbkreisförmig nach vorne geschoben.

Die Pfeil- und Armbrustbolzenspitzen von Tannenberg an der Bergstraße.

Die wegen Raubritterei im Juli 1399 vom Landfriedensheer zerstörte Burg Tannenberg bei Seeheim hielt einer 23-tägigen Belagerung stand, musste jedoch nach schwerstem Beschuß durch Schleuder- und Pulverwaffen kapitulieren. Obwohl schon Handfeuerwaffen (Tannenberger Handbüchse) bezeugt sind, waren bei diesen Kämpfen noch überwiegend Bogen und Armbrust

Typische Pfeil- u. Armbrustbolzenspitzen

Typische Pfeil- u. Armbrustbolzenspitzen (= B) aus Burg Tannenberg, vom Kampf 1399, Ausgrabung 1849- s. Hefner u.Wolf, Frankfurt 1850. Zeichnung: A. Meixlsperger

Pfeil- und Armbrustbolzenspitzen

Pfeil- und Armbrustbolzenspitzen (B) aus der Burg Tannenberg, 1399. Freigelegt durch“Arbeitskreis Burgruine Tannenberg“, 1973-1977. Zeichnung: A. Meixlsperger

im Gebrauch, was die zahlreich im Trümmerschutt der Burgruine gefundenen Pfeil- und Bolzenspitzen beweisen. Diese Zeugen der Schmiedekunst des ausgehenden Mittelalters fanden sich meist am Fuße der Außenmauern der  Angriffsseiten im Nordosten und Westen der Burg. Die überwiegend eingedrückten Pfeil- und Bolzenspitzen mit noch in ihnen steckenden Resten des Holzschaftes, zeugen von ihrer Anwendung im Kampf. Vereinzelt gefundene noch nadelscharfe Pfeilspitzen in vorzüglicher Erhaltung geben dem Betrachter Rätsel auf.

Von den bei der großen Ausgrabung 1849 gefundenen Pfeil- und Armbrust-Bolzenspitzen sind im Hessischen Landesmuseum Darmstadt 338 Exemplare verwahrt, durch den Verfasser in Originalgröße zeichnerisch erfaßt und registriert. Die vom Arbeitskreis Burgruine Tannenberg seit 1973 im Zuge der Aufräumungs- und Sicherungsarbeiten geborgenen 36 Pfeil- und Bolzenspitzen ergänzen das wohl einmalige Sortiment, das auch zur zeitlichen Einordnung solcher Funde andernorts dienen kann.

Literatur:

Demmin, A.: Die Kriegswaffen in ihrer geschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1893

Essenwein v., Dr.: Die Kriegsbaukunst, 1889

Gottberg, H. v.: Vom Germanenheer zu den integrierten Streitkräften, Reutlingen 1970

Hefner v. u. Wolf: Die Burg Tannenberg und ihre Ausgrabungen, Ffm 1880

Jähns: Entwicklungsgeschichte der alten Trutzwaffen, 1899

Kleemann, G.: Schwert und Urne, Stuttgart 1962

Köhler, G.: Die Entwicklung des Kriegsbauwesens und die Kriegsführung in der Ritterzeit, Breslau 1887

Piper, Otto: Burgenkunde, München 1912

Rathgen, B.: Das Geschütz im Mittelalter, Berlin 1928

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