Heinz Bormuth, Schnellertsbericht 1978, S. 14-17.

Die Sagensammlung der Brüder Grimm, die in erster Auflage 1816 gedruckt wurde, hat in ganz Deutschland viele Nachahmer gefunden. (1) Überall begannen Forscher damit, die Sagen ihrer Heimat aufzuzeichnen. Nicht immer in der Sprache der Erzähler, sondern oft romantisch gefärbt und in volksfremdem Gelehrtendeutsch ihrer Zeit. Sehr zum Schaden späterer differenzierter Forschungsarbeiten.

Auch im Odenwald fanden die Grimms Anhänger und das 1853 erschienene Hessische Sagenbuch von Johann Wilhelm Wolf (2) enthält zahlreiche Sagen dieser Landschaft. Wolf hatte 1847 auch einige Tage im Gersprenztal verbracht, wo er sich mit seinem Schwager Wilhelm von Ploennies besonders für die Burg Rodenstein und die damals schon populäre Sage vom wilden Heer interessierte. Das Ergebnis dieser Studien war eine Veröffentlichung, die 1848 im Druck erschien.(3) Hier begegnen wir zum ersten Mal der Sage vom Mann auf dem Dreimärker, die dann in der Folge meist ungekürzt in die Odenwälder Sagenbücher übernommen wurde. (4, 5, 6) Auf eine Wiedergabe des Textes muß hier verzichtet werden. Eine Skizzierung des Inhaltes scheint aber zum Verständnis der Ausführungen erforderlich.

Ein Ober-Kainsbacher Bauer wurde eines Abends durch ein Klopfen an seiner Haustür erschreckt. Drei Männer, einer in Jägerkleidung, forderten ihn auf, am nächsten Tag, zu einer bestimmten Stunde, zum Dreimärker auf dem Schnellerts zu kommen, wenn er sein Glück machen wolle. Er müsse dazu einen Sack mitbringen, der von einem Mädchen unter sieben Jahren gewebt sein solle, ebenso eine neue Hacke und ein ungebrauchtes Grabscheit. Der Ober-Kainsbacher erfüllte diese Weisung und fand sich zur bestimmten Stunde bei dem Dreimärker ein. Nach einigem Warten erklang von Westen her ein fürchterliches Getöse und sogleich erstand vor den Augen des Bauern die Burg Schnellerts im alten Glanz. Im Festsaal der Burg saßen die Ritter des Geisterheeres an der Tafel, die mit köstlichen Speisen und Getränken gedeckt war. Der Jäger vom Vortage erklärte dem Bauern, die Tafelgäste seien die Ritter vom Schnellerts und vom Rodenstein, die sich zum gemeinschaftlichen Handstreich zusammengefunden hätten. Der Bauer wurde zur Tafel eingeladen, durfte aber von den köstlichen Speisen nichts essen. Auch wurde ihm ein absolutes Schweigegebot auferlegt. Nach dem Mahl brach man zur Jagd auf, an der der Bauer teilnahm. Begleitet vom Gebell der scharfen Hunde tobte der Jagdzug durch Wald und Feld, alles niederreitend, was im Wege war. Unterwegs zerrissen die wütenden Hunde einen Kapuzinerpater, der sich ängstlich in einem Gebüsch verborgen hatte. Darob entstand unter den Rittern Streit und sie kehrten mit dem Leichnam des Paters zur Burg zurück. Im Streit erschlug einer der Ritter, der am Abend zuvor den Bauern zur Jagd geladen hatte, seinen Gefährten, dann setzte er wütend mit seinem Pferd über die Burgmauer. Das Pferd stürzte und sein Reiter brach den Hals. Der Bauer wurde nun aufgefordert, den Leichnam des Mönches in einen Sack zu stecken. Dies suchten die wilden Hunde zu hindern und fielen den Bauern an. In seiner Not rief dieser:

”Ei, gehd der wäg! “ da verschwand der ganze Spuk und der Bauer fand sich auf dem Dreimärker sitzend wieder. Immer, wenn er sein Erlebnis erzählte, schloss er mit den Worten: „Hätt ich mich net dorch die Hunde err mache losse, dann bräucht ich keine Kartoffel mehr zu esse. „

Unschwer ist in dieser Geschichte die Verbindung zweier in unserer Heimat weit verbreiteter Sagen zu erkennen, die schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher Abhandlungen waren. Einmal ist es die Sage vom Schnellertsherrn, die natürlich in dieser Umgebung nicht fehlen darf und zum anderen die Sage von vergrabenen Schätzen, ihren Wächtern und den meist vergeblichen Versuchen, die Schätze zu heben.

Wir haben gesehen, wie die Sage vom Wilden Heer entstanden ist und wie der Schnellertsherr zum Führer dieser gespenstischen Erscheinung wurde. Der Gedanke an den Reichtum der einstigen Bewohner der alten Burg hat wohl zu allen Zeiten die Vorstellungswelt der Leute aus der Umgebung beeinflusst. Dabei mögen gelegentliche Zufallsfunde ursächlich gewesen sein. Nicht nur die materiellen Dinge, die verborgen in der Ruine vermutet wurden, auch die Illusion vom Leben und Treiben im alten Schloß hat sich schöpferisch in der Volkserzählung niedergeschlagen. Da ist die Rede vom Wein, der so köstlich ist, daß er sich in seiner eigenen Haut hält, wenn die Fässer schon längst vergangen sind. (Überliefert vom Schnellerts, vom Beerfurther Schlösschen und von der Tannenburg), da ist das Geistermahl mit Genüssen, von denen der Landmann nur träumen kann, da ist der Glanz des Festsaales und der Tafel und da sind die bedauernden Worte, die der Volksmund den gescheiterten Schatzheber sagen läßt:

„Hätte ich geschwiegen, ich bräuchte keine Kartoffeln mehr zu essen. ”

Welch eine Vorstellung für jemanden, der doch wohl überwiegend von der Kartoffel leben musste. Sarkastisch drückt dies ein Vers aus, der aus dem Odenwald überliefert ist:

„Kartoffeln in der Früh, des mittags in der Brüh, des abends im ganzen Kleid, Kartoffeln in alle Ewigkeit.“

Viele Schatzsagen folgen in ihrem Aufbau einem bestimmten Schema. Dazu gehören der verwunschene Schatz, der zusammen mit seinem ehemaligen Besitzer der Erlösung harrt, dazu gehört der Schatzwächter in Tier- oder Menschengestalt, dazu gehört ein “Auserwählter”, der ausersehen ist, den Schatz zu heben, wenn er sich zu bestimmter Stunde an einem bestimmten Ort einfindet und den Weisungen der Geister Folge leistet. Dazu gehören besondere Zeremonien, die bei der Handlung zu beachten sind, insbesondere das „magische Schweigen”, an dem die meisten Schatzheber schließlich scheitern, weil die Wächter des Schatzes immer wieder versuchen, den Auserwählten zum Bruch des Schweigegebotes zu veranlassen. (7)

Einzelne Züge dieser Schatzsagen weisen in vorchristliche Zeiten, als man den Toten noch persönliche Gegenstände mit ins Grab gab, um sie für das Fortleben im Jenseits auszurüsten. Darüber hinaus wurden – zumindest zeitweise – die Gräber aus kultischen Gründen mit reichen Schätzen ausgestattet. Diese Grabbeigaben stehen im Gegensatz zur christlichen Religion, die ein körperliches Fortleben ablehnt. Mit dem Siegeszug des Christentums fanden diese Beigaben daher ihr Ende, auch wenn gelegentlich sogar aus der Neuzeit berichtet wird, man habe einem Verstorbenen das Liebste, was er auf Erden hatte, mit in den Sarg gelegt.

Nach christlicher Auffassung gehören vergrabene Schätze dem Teufel und derjenige, der einen Schatz vergräbt, wird verflucht. Trotzdem wurden in Notzeiten Geld und andere Habseligkeiten vor den feindlichen Horden im Boden vergraben und dann aus mancherlei Gründen vergessen. Gelegenheitsfunde hatten das Wissen um diese Schätze aufrechterhalten, auch Grabbeigaben der vorchristlichen Zeit sind hin und wieder zufällig entdeckt werden. So ist wohl zu erklären, warum Archäologen just dort fündig wurden, wo nach der Volksüberlieferung unsichtbare Schätze vergraben sind oder Geister umgehen. Dies wird mehrfach aus dem Odenwald berichtet (8, 9). In der hier behandelten Sage findet sich das Schema der geläufigen Schatzsagen. Die Burgruine als Hort unvorstellbarer Schätze, das Geisterheer mit den wilden Hunden als Schatzwächter, die Aufforderung an den Bauern, die Schätze zu heben. In den meisten Fällen wird diese Aufforderung an ein Kind oder an ein unschuldiges Mädchen gerichtet. Hier wurde zwar ein Bauer aus Ober-Kainsbach zum Schatzgräber ausgewählt, aber auf Jungfräulichkeit wird auch in dieser Sage nicht ganz verzichtet. Der Sack, den der Bauer mitzubringen hatte, musste von einem Kind unter sieben Jahren gewebt und das Grabscheit durfte noch nicht gebraucht sein: Auch den übrigen Zeremonien musste sich der Bauer unterwerfen, vor allem dem Schweigegebot und den Versuchen der wilden Hunde als Schatzwächter, ihn zum Bruch dieses Gebots zu veranlassen. Wie in den meisten Schatzsagen waren diese Versuche auch hier endlich erfolgreich.

Recht ausführlich schildert die Sage den Zug des wilden Heeres. Alles, was sich diesem Zug entgegenstellt, wird niedergeritten. Interessant ist die Person des Getöteten, des Kapuziners. Der Kapuzinerorden war einst betont volksverbunden. Seine Mönche wurden oft, auch von Protestanten, zu Rate gezogen, wenn Mensch oder Tier krank waren. Auch Geisterbeschwörungen und Exorzismen wurden von den Mönchen erwartet. So sind sie in viele Geistersagen und insbesondere in die Sage vom Wilden Heer eingegangen (10).

Viele Einzelteile aus verschiedenen Sagen hat der Volksmund zusammengetragen, bis die Sage vom Mann auf dem Dreimärker ihre heutige Gestalt hatte. Dabei muss natürlich offen bleiben, wie etwa das alte Sagengut durch die verschiedenen Aufzeichnungen verändert worden ist. Die Einzelteile sind für den aufmerksamen Beobachter ein wertvoller Hinweis auf die Lebenswelt der Menschen, ihren Glauben und ihr Fühlen in alter Zeit.

Literatur:

1) Brüder Grimm: Deutsche Sagen, hier nach 3. Auflage Göttingen 1898, Neudruck

Darmstadt 1965 .

2) Johannes Wilhelm Wolf: Hessische Sagen, Göttingen 1853.

3) Wolf: Rodenstein und Schnellerts, ihre Sagen und ihre Bedeutung für die

Deutsche Altertumskunde, Darmstadt 1848, Sage Nr. 10.

4) Wilhelm Heinrich Glenzz, Heimatsagen aus dem Kreis Erbach,

Darmstadt 1929, Sage Nr. 20.

5) Theodor Meisinger:der Rodensteiner, Darmstadt 19 54 (Nr. 17)

6) Theodor Bader: Hessische Sagen, Darmstadt 1908 (Nr. 12)

7) Josef Schopp: Verzauberte Welt, Giessen 1967, Seite 53 ff.

8) Frank Hanstedtz Vorgeschichte u. Sage; in:Vorland‚ Zeitschrift f. europäische

Vorgeschichte, 1. Jg., Heft 1, (Januar) 1973.

9) Friedrich MössingerzDie Sage v. goldenen Kalb; in:Volk und Scholle 2/ 34, Seite

72 ff.

10) Bächthold/Stäubli: Handbuch des Deutschen Aberglaubens, Berlin 1927,

Stichwort: Kapuziner.