Henner Schneider, Schnellertsbericht 1978, S. 6-13.

Eigentum kann man in zwei Arten einteilen:

  1. bewegliches Eigentum, auch „fahrende Habe“ genannt, und
  2. unbewegliches Eigentum, auch „Immobilien“ genannt,

was übrigens nur eine lateinische Übersetzung des deutschen Begriffes ist. Hierher gehört das Eigentum an Grund und Boden. Und gerade dieses Eigentum erfordert zwingend eine Scheide, eine Grenze, wovon im folgenden die Rede sein soll. Beachtenswert ist auch, daß die Genauigkeit der Grenzfestlegung deutlich mit der zunehmenden Dichte der menschlichen Besiedlung pro Flächeneinheit zunimmt. Grenze ist definiert als ein geschlossener Linienzug, der von einem Punkt ausgeht und wieder in diesem Punkt endet. Das gilt sowohl für die Erdoberfläche wie für ihre Abbildung, die Karte. Die Grenze schneidet also eine geschlossene Fläche aus einer größeren Fläche heraus.

Eine Untersuchung des Wortes „Grenze“ ergibt, daß es im ältesten Sprachschatz nicht bekannt war. Vielmehr sprachen unsere Vorfahren von „marka“, uns bekannt durch die Begriffe „Mark“ (Gebiet), abmarken u. s. w. . J. Grimm deutet „marka“ zunächst als „Fläche“ und in der weiteren Entwicklung als Grenze. Demnach sind „marcomanni“ zugleich Wald- (die Fläche) – als auch Grenzbewohner. Das Wort „Grenze“ kam im Mittelalter auf und ist erst seit dem 13. Jh. vom Deutschordensland aus als slawisches Lehnswort verbreitet worden. Diese Herleitung findet man sowohl bei J. Grimm als auch im Handbuch des deutschen Aberglaubens.

Ein weiterer Begriff für Grenze entsteht, wenn z. b. mit zunehmendem Ackerbau das Gesamtland der ”Mark“ weiter unterteilt werden muß, was durch die intensive Bewirtschaftung, die zudem weitestgehend von der Initiative des Einzelnen abhängt, erforderlich wird. Hier entsteht der Begriff „rain“, das ist ein Streifen ungepflügten Landes zwischen zwei Äckern. „marka“ oder „rain“ sind also Trennungen für größere und kleinere Flächen, sie wirken nach Grimm nach innen – Eigentum – und nach außen – Nachbarn. Daraus entwickelt sich eine Bindung „der Nachbarschaft und Gemeinschaft, deren Weihe und Heiligung unserem Alterthum aufs Höchste angelegen war. “

Die dünnbesiedelten Räume der Vorzeit kamen mit einer großzügigen Festlegung der Grenzen aus. Dementsprechend bildeten natürliche Scheiden wie Höhenrücken, Gipfel, Gewässer, Quellen, Mündungen, Felsen, Sümpfe und markante Einzelbäume den Grenzverlauf. Reichten diese natürlichen Möglichkeiten nicht aus, so half man sich mit Erdhügeln, Pfählen, geplätteten oder gelochten Bäumen. Als weitere Möglichkeit nutzte man Felsen (Wacken), Findlinge, auffallende Einzelsteine („Steinernes Roß“ bei Hemsbach), und dann erst verwendete man behauene Steine. Die Festlegung der Grenzen nach auffallenden topografischen Gegenständen hatte neben dem Vorzug der Erkennbarkeit, des leichten Ansprechens, den der Billigkeit und Dauerhaftigkeit. Ferner sollte nicht übersehen werden, daß es in jenem Stadium unwichtig war, ob die Grenze gerade war oder mehr oder weniger starke Knicke aufwies, da sie erstens meist im Walde verlief und zweitens Weidewirtschaft vorherrschte.

Das änderte sich, als der Feldbau sich mehr und mehr ausbreitete. Nun musste die „Mark“ weiter unterteilt werden. Da die natürlichen Grenzmarken, wie vorher geschildert, nicht mehr ausreichten, musste man sich mit künstlichen Kennzeichen, den Grenzsteinen, helfen. Von einigen bemerkenswerten Grenzsteinen wird noch später berichtet. Von altersher wurden unter diese Grenzmale unverwesliche Unterlagen gelegt, ”die nach langer Zeit den Hergang bezeugen konnten“. Da nun die Festlegung der Grenze ein heiliger Vorgang war, dessen sich die Mythologie bald stark annahm, so sei die Vermutung zugelassen, daß es sich bei diesen Unterlagen primär um ein Opfer handelte. Erst sekundär wurde daraus ein Beweismittel für die Richtigkeit der strittigen Grenze. Ein Brauch, der noch heute gültig ist, obwohl moderne Vermessungen von der Genauigkeit her diese „unverweslichen Unterlagen“ entbehren könnten. Die ersten datierten Grenzsteine sind bei uns aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. In großem Umfang wurden Grenzsteine mit Wappen u. s. w. im 17. und 18. Jahrhundert üblich.

Wenn die Landnahme und dabei die Festlegung der Grenzen ein Vorgang mit kultischen Riten mannigfacher Art war, dann verwundert es nicht, daß sich die Mythologie dieses Stoffes bemächtigte.

Die Grenze des Eigentums des Einzelnen oder der Gemeinschaft dokumentiert das Ende des Wirkens und Tuns. Damit ist es nur ein kleiner Schritt zu einer magischen Bedeutung der Grenze und ihrer Zeichen. Alles, was als Eigentum, ob Grund oder lebendes und totes Inventar, dem Zugriff des Herrn unterliegt, wird auch von seinem Gott oder sonstigen höheren Wesen innerhalb der Grenze geschützt. Ist etwas vom Eigentum über die Grenze hinweggeschafft, ist es dem eigenen magischen Einfluß entzogen. Somit kann ein Dieb durch Zauber nicht mehr gebannt werden, wenn er die Grenze hinter sich gelassen hat. Das Gleiche gilt für Diebesgut. Mitunter müssen auch 9 Grenzen dazwischen liegen. (Grimm). Auch die Verfolgung durch einen Geist endet an der Grenze. An die Stelle der Grenze tritt manchmal auch ein Grenzstein, eine Brücke, ein Bildstock u. a. m. Vornehmlich das Wasser wirkt hemmend. Feurige Männer und Irrlichter können es nicht überwinden. Es blockiert auch den Verfolgungszauber gegen Diebe. Dinge, die unmittelbar auf der Grenze stehen, gehören zu beiden Gebieten. Deshalb stellt man Sühnekreuze gern auf die Gemarkungsgrenze, um zwei Siedlungen an der Sühne zu beteiligen. Aus der gleichen Überlegung heraus wurden Zweikämpfe und Gottesurteile auf der Landesgrenze oder auf Flußinseln ausgetragen, weil die magischen Mächte beider Flächen sich neutralisieren. So wie die Grenze im Inneren schützt, hat sie nach aussen eine abwehrende und damit wiederum schützende Wirkung, sie hält von außen kommende Kräfte ab. So muß „ein auswärts gekauftes Schwein auf der Feldscheide blutwunden“, zum Schutz gegen böse Leute. Vergräbt man Symbole für Krankheiten hinter der Grenze, dann können die Krankheiten nicht mehr zurück. Ungeziefer wird vertrieben, wenn man den in allen vier Stubenecken zusammengefegten Dreck samt Besen schweigend über die Grenze zum 3. Nachbarn trägt. Vielfach sind die Bräuche bei Toten, die in einer anderen Gemarkung beerdigt werden. Der Tote kann nicht zurück, wenn man vor dem Überschreiten der Gemarkungsgrenze das Sargstroh hinauswirft. In dem schon mehrfach zitierten Handbuch des deutschen Aberglaubens werden noch viele Beispiele für die bannende Macht der Grenze aufgeführt. Sie alle zu erwähnen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Die Bedeutung der Grenze erhellt auch der Brauch, Geleit bis an die Grenze zu geben, wo der Geleitete vom nächsten Nachbarn übernommen oder auch „eingeholt“ wird.

Wie auch heute noch, so kam es in alten Zeiten ab und zu zu Grenzstreitigkeiten. Wenn diese nicht durch beiderseitige „Feldgeschworene“ oder andere sachkundige Personen geklärt werden konnten, so mussten andere Versuche zur Klärung gefunden werden. Diese Verfahren hatten einen stark mythologischen Hintergrund. Darum soll zunächst davon berichtet werden. Konnte der Streit nicht gütlich beigelegt werden, dann gab es verschiedene Verfahren, die alle mehr oder weniger „Gottesurteile“ waren. Zunächst wurde das strittige Gebiet aus dem einseitigen Nutzen des bisherigen Eigentümers herausgenommen und festgelegt, daß die Grenznachbarn diese Fläche gemeinsam nutzen konnten. Die Erinnerung an solche Zwistigkeiten hält z. B. der Name „Streitbach“ bei Hiltersklingen wach.

Eine Methode, die strittige Grenze neu festzulegen, bestand darin, daß man z. B. zwei Widder gegeneinander rennen ließ. Dort, wo sie aufeinander prallten, war der neue Grenzpunkt. Oder zur Festlegung der Grenzlinie ließ man ein blindes Pferd laufen oder einen Krebs kriechen. Die Sage berichtet, daß Zeus zur Bestimmung des Mittelpunkts der Erdscheibe von Ost und von West je einen Adler fliegen ließ. Sie trafen sich über Delphi.

Eine andere Schlichtung wurde von Grenzläufern bewirkt. Hiervon berichten verschiedene Mären. Als die Graubündner von Maienfeld mit dem Fürsten von Liechtenstein strittig waren, wurden zur gleichen Zeit zwei Läufer losgeschickt. Der von Maienfeld war offenbar langsamer und sah seinen Gegner noch den Hang herunterkommen. Er flehte ihn an, ihm doch Land zurückzugeben. Endlich trug er den Liechtensteiner auf seinem Rücken den Berg wieder hinauf, dort wo er tot umfiel, steht heute der Grenzstein. Ähnlich ist die Sage über den Grenzstreit zwischen Uri und Glarus. Hier sollten die Läufer beim ersten Hahnenschrei starten. Die von Uri fütterten den Hahn knapp, damit er zeitig krähe. Die von Glarus taten das Gegenteil und mussten zusehen, daß die Sonne immer höher stieg, der Hahn aber noch schlief. Als er endlich krähte, war der von Uri weit vor. Auch hier trägt der Verlierer seinen Gegner bergauf, um zu retten was zu retten ist‚und fällt tot am heutigen Grenzbach zusammen.

Es ist auch denkbar, daß man das Los befragt hat. Diese Art der Grenzfindung findet sich sowohl bei Grimm als auch im Handbuch des deutschen Aberglaubens. Hier wird auch der „Schöpfereid“ erwähnt. Hierbei stand der Schwörende in mit eigener Erde gefüllten Stiefeln. Dies klingt noch an bei Eulenspiegel, der sich auf seinem Karren in eigener Erde eingraben ließ.

Damit ist ein schon nach altem Recht strafbarer Tatbestand vorhanden. Da die Grenzen und ihre Markierungen heilig waren, stehen auf Grenzverwirrung, Beschädigen oder Versetzen von Grenzsteinen geradezu drakonische Strafen. Das gilt ebenso für Grenzbäume, von denen kein Laub oder Holz genommen werden durfte. Darauf stand noch die Todesstrafe. Viel Schlimmeres erwartete den, der vorsätzlich einen Grenzstein ausgrub, ihn versetzte oder beseitigte. So droht ein Corbacher Weisthum von 1454:

„we den faerstein edder man umme erede mit vorsate, den sol men in de erden graven und laten sin hovet dar ute, so ho als de faerstein gestanden hait uf der stedde, un sol mit einen nygen ploge (eren) dar nicht mede geeret ist, un mit fere vollen an den pflog gespannen, de nicht mer getogen hebben, un nyge gescherre an den plog gedon un eineen ploghelder und driver (nemen) de nicht meer einen plog gehalden edder gedreven hain und sollen den acker eren, un mag sich dan de begraven man wat behelpen, dat mag er doen.“

(Wer den Vorstein oder Grenzstreifen vorsätzlich umpflügt, den soll man in die Erde graben und nur seinen Kopf herausragen lassen, so hoch, wie der Vorstein an seinem Platz gestanden hat. Dann soll man mit einem neuen Pflug (pflügen), mit dem noch nicht gepflügt worden ist, und mit vier an den Pflug gespannten Fohlen, die noch nicht gezogen haben, und mit neuem Geschirr am Pflug und einen Pflughalter und Treiber (nehmen), die noch keinen Pflug gehalten und getrieben haben, und die sollen den Acker pflügen. Mag sich dann der eingegrabene Mann helfen, wie er kann.)

In einer anderen Strafdrohung heißt es

„. . . und soll ihm so lange nach dem Halse ern, bis er ihm den Hals abgeernt hat. „

Grenzstein Zeichnungen: W. Krüger

Grenzstein Zeichnungen: W. Krüger

Grimm meint dazu, daß diese Strafen nie angewendet wurden, weil die Scheu vor den heiligen Grenzmalen, durch Jahrhunderte anerzogen, viel zu groß gewesen sei. Hierzu gehört, zu erwähnen, daß nach altem Glauben die Seelen der Grenzfrevler auf den Feldern als “Irrwische” oder „Feuermänner” umgehen müssen. Das gilt auch für den Falscheid in Stiefeln mit eigener Erde.

Landmesser, die gegen besseres Wissen Grenzen falsch festlegten, sollen „nach ihrem Tode mit feurigen Stangen und Schnüren ihren Fehler nachmessen und auf den Fluren auf- und abwandeln. ” (Grimm)

Nach diesem etwas düsteren Abschnitt ist erfreulicherweise von Bräuchen zu berichten, die man als Grenzsicherung bezeichnen kann. Man führte in bestimmten Abständen den Grenzgang – lantlaita, marchganc, Später Schnadgang – durch. In kleinerem Umfang konnte dieser gefordert werden, wenn ein Grundstück im Eigentum wechselte. Der neue Besitzer setzte sich in der Mitte des Grundstücks auf einen Stuhl – Besitznahme – und schritt dann die Grenzen ab. Entsprechend musste ein neuer Herrscher bei Beginn seiner Herrschaft sein Hoheitsgebiet auf bestimmten Wegen abreiten und so von allen „Marken“ feierlich Besitz nehmen. Da dieser Vorgang kultischen Hintergrund hatte, waren, symbolische Opfer üblich. So wurde vom Fürsten Geld oder Brot unter die Begleitenden verteilt. Bei einem Grenzgang anno 1587 schnitt nach dem Essen des Fürsten der Forstmeister allen anwesenden Männern die Bärte ab (Grimm). Damit sollte wohl die Erinnerung gestärkt werden.

Trafen an einem Grenzstein mehrere Gemarkungs- oder Landesgrenzen zusammen, z. B. an einem Dreimärker, stellte man über den Stein einen Tisch. Auf drei Stühlen an den Gebietssektoren saß der jeweilige Landesherr. So aßen und tranken die drei Grenznachbarn miteinander; was wohl auch als Kulthandlung zu deuten ist. Bestimmt ein Vorgang mit starkem symbolischen Ausdruck. Symbolische Handlungen beherrschen ebenso den Gemarkungs Grenzgang. So wird berichtet, daß man Kinder am Ohr zog, ihnen eine Ohrfeige gab, auf den Stein kräftig mit dem Po aufstieß oder auch ein kleines Geschenk gab, was zweifellos am angenehmsten und am wenigsten wirksam war. Abschließend zu diesem Thema sei noch ein Weistum der Grafschaft Wied von 1533 vom Dobersbrunn zitiert:

„da soll man stellen einen dreistemoligen stul, daran seien sitzen die Colnischen, Wiedischen und Isenburgischen jeder in seines gn, Herrn Obrigkeit und sollen aus einer schuttelen essen. ” (Grimm)

Im Vorhergegangenen war soviel von Grenzsteinen die Rede, daß es nun zweckmäßig sein dürfte, etwas um die Anschaulichkeit bemüht zu sein. Die drei obigen Bilder zeigen die einfach ausgeführten Buchstaben eines Dreimärkers auf dem Heidelberg von Ober-Kainsbach. Er ist sicher noch nicht so alt, was aus der Regelmäßigkeit der Buchstaben für die Gemarkungen 0ber-Kainsbach, Hembach und Langenbrombach hervorgeht. Die Ausführung ist nüchtern und zweckbestimmt. Die nächste Ausführung entspricht dem heutigen Grenzstein, der nur noch ein Kreuz oder ein Loch zur Bezeichnung des Zentrums hat.

Grenzstein 1743 Zeichnungen: W. Krüger

Grenzstein 1743 Zeichnungen: W. Krüger

Mit mehr Liebe ist ein Stein in der gleichen Grenze auf dem Heidelberg gestaltet, da es sich um eine Centgrenze handelt. Auf der einen Seite ist das Erbacher-‚ auf der anderen Seite das Breuberger Wappen. Daraus ist zu schließen, daß der vorbeschriebene Stein – der Dreimärker — aus irgendeinem Grunde erneuert wurde, also nicht mehr original ist.

Der nächste Stein mit der Jahreszahl 1743 steht heute noch zur Abgrenzung des Grundstücks, auf dem der Galgen der Cent Ober-Kainsbach stand, am Westrand des Heidelberges. Dem Vernehmen nach war es ein“dreischläfriger “ Galgen, wie er noch in Beerfelden zu sehen ist. Wie Georg Dascher aus Ober-Kainsbach erzählt, waren die Sandsteinsockel der Ständer noch vor nicht allzulanger Zeit vorhanden.

In der Landesgrenze Hessen-Baden zwischen Würzburg und Breitenbuch unweit des Römerbades steht der nebenstehend abgebildete Grenzstein. Die ganze Ausführung in ihrer Pracht läßt ein Gefühl von Imponiergehabe aufkommen. Wie bei Grabsteinen möchte jeder den oder die anderen übertrumpfen. Da der Stein überdies keinerlei Zeichen von Verwitterung zeigt, kann man auch hier vermuten, daß er eine Nachbildung ist. Es ist ohne Schwierigkeit denkbar, daß das Original beim Holzschleifen beschädigt wurde.

Der Adlerstein zeigt eine Querverbindung von der Grenzfestlegung zur Reichsgeschichte. Er steht – ein Dreimärker – in der alten Pfalzgrenze gegen Baden auf der Höhe zwischen Eiterbach und Ulfenbach, ca 5km  S 0 S von Waldmichelbach. Auf der ersten Seite zeigt er das Mainzer Rad und die Kürzel G. H. Auf der zweiten Seite ist das Waldmichelbacher Ortszeichen, der Rost des hl. Laurentius zu sehen. Die dritte – ehemals pfälzische – Seite zeigt den Reichsadler, darüber die Inschrift „tempore viscariatus“ und die Buchstaben G. B. Letztere wurden aus dem Vormaligen C P – Kurpfalz – abgeändert. Der Stein muß zwischen dem 1. 3. 1792 und dem 5. 7 . 1792 gesetzt worden sein, da in dieser Zeit der Thron verwaist war und der Pfalzgraf als Reichsverweser amtierte. Trotz Kürze der Zeit war dieses Amt Grund genug, statt der Raute den Reichsadler und die Inschrift „tempore viscariatus“ einzumeißeln. Auch die Kopffläche ist interessant. Neben der Richtung der abgehenden Grenzen ist „Gelaitstein” eingemeißelt, ein Hinweis, daß nicht nur das Grundeigentum wechselte, sondern auch das Geleit. Diese Besonderheit ist in unserem Gebiet m.W. einmalig.

Grenzstein 1792 Zeichnung: W. Krüger

Grenzstein 1792 Zeichnungen: W. Krüger

Ein Beispiel für eine alte, einfache und schmucklose Gestaltung eines Grenzsteines bringt Ph. Buxbaum in seiner „Siedlungsgeschichte des Odenwaldes“. Hier wurde ein vorhandener Felsen benutzt und auf ihm in einfachster Form die Herrschaftssymbole mit Jahreszahlen angebracht. In diesem und anderen Fällen können mehrere Jahreszahlen auf wiederholte Grenzbegänge deuten.

Historische Berichte beginnen gar zu gern mit der Wendung“Schon die alten Römer. . . „Auch hier wäre diese Anbindung möglich gewesen. Die Römer hatten bei einer gut entwickelten Vermessung auch schon Grenzsteine. Zur Kennzeichnung belasteter Grundstücke setzten sie sogar „Hypothekensteine“. Aber sie haben diese Fertigkeiten von den Etruskern übernommen und nicht selbst entwickelt. Der schon erwähnte Ph. Buxbaum bringt in seiner „Siedlungsgeschichte“ eine Abbildung eines babylonischen Grenzsteins aus der Zeit 12.- 8. Jh. v. Chr. Auf der Vorderseite ist das Bild des Herrschers, auf der Rückseite sind Tierkreiszeichen abgebildet, womit der sakrale Bezug hergestellt ist. Die Urbilder stehen im britischen Museum in London.

Mit dem Wort Grenze, soweit es nicht im übertragenen Sinne gebraucht wird, verbindet man meist den Begriff des Eigentums. Es gibt aber darüberhinaus noch Grenzen vielfacher Art. z.B. gibt es Nutzungsgrenzen. Allgemein bekannt dürfte in diesem Sinne die Jagdgrenze sein. Heute deckt sich diese Grenze meist mit der Gemarkungsgrenze, weil diese örtlich mehr oder weniger kenntlich ist und weil die Summe der Grundstückseigentümer rechtlich die „Jagdgenossenschaft“ bildet, eine Form gemeinschaftlichen Eigentums, wie man es früher als „Markgenossenschaft“ kannte.(Ungeteiltes Eigentum am Boden). Abweichend hiervon gibt es Fälle, bei denen Grundeigentümer und Jagdberechtigter nicht identisch waren. So beschreibt H. Knapp sogenannte „Jagdsteine”. Sie stehen im Viernheimer Wald und zeigen die Grenze zwischen der ”Hochfürstlichen Wormsischen und Khurfürstlichen Mainzischen Jagt“ an.

Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, soll zum Schluß des Abschnittes über die Nutzungsgrenzen die Teilung der Mark Erbach unter die Brüder Eberhardt und Georg im Jahre 1544 angeführt werden. Auch hier handelt es sich um eine Nutzungsgrenze. Der abgebildete Stein steht an der ”Hohen Straße“ an der Gemarkungsgrenze Güntersfürst – Haisterbach gegen Mossau – Hüttental.

Die einschlägige Literatur weist aus, daß in den Jahren 1920—1945 noch viele bemerkenswerte Grenzsteine vorhanden waren. Mit der zunehmenden Motorisierung in der Land-und Forstwirtschaft sind die Zeugen unserer Heimatgeschichte sehr gefährdet. Um so anerkennenswerter ist der Erlaß des Hessischen Ministers f. Wirtschaft u. Technik zur Erfassung und Sicherung historischer Grenzmarken. Hier ist in 7 Abschnitten klar gesagt, was zu tun ist und wie es zu tun ist. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.

Literatur:

Ph. Buxbaum: Beiträge zur Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte des Odenwaldes.

Jakob Grimm: kleinere Schriften; Deutsche Grenzaltertümer. Handbuch des Deutschen Aberglaubens, Bd. III

H. Knapp: Steinerne Zeugen der Vergangenheit. Viernheimer Heimatgeschichte 1966, Nr. 7

R. Kunz: Heimatbuch der Gemeinde Alsbach, 1970 Fr. Mössinger: Alte Grenzsteine. Volk u. Scholle 1931, Nr. 8+9

Dr. Schäfer: Vortrag in der T. H. Darmstadt 1978: Grenzsteine und Flurdenkmäler.

R.Völkel: von den Grenzlinien unserer Landschaft. Volk u. Scholle, 1938 R. Zorn: Grenzsteine des Rhein-Main-Gebietes

Hessischer Minister f. Wirtschaft und Technik: Erlaß v. 4. 7.1978: Erfassung und Sicherung historischer Grenzmarken.