Georg Dascher, Schnellertsbericht 1977, S. 23-25.

Am 20. September 1743 schrieb der Gräflich Erbachische Amtmann Carl Ludwig Bock auf Schloß Reichenberg in sein Protokollbuch: (1)

“ Es befindet sich nächst dem Dorfe Oberkeinsbach des Erbach’schen Amts Reichenberg, jedoch in dem herrschaftlich Breuberg’ schen Territorio ein gewisser Berg und auf demselben ein uraltes Schloß, davon nur noch wenige Rudera zu sehen sein sollen, der Schnellerts genannt; wovon aber, und wer eigentlich die ehemaligen Possesores sothanigen Schloßes gewesen, keine weitere Nachricht noch zu Zeiten bekannt geworden. . . . „.

Die hier letztgemachte Feststellung ist auch nach über 230 Jahren noch „rechtskräftig“. Die „ehemaligen Possesores “ sucht man noch heute im weiten Kreis der ehemals in diesem Gebiet begüterten Adelsgeschlechter und räumt dem einen mehr, dem anderen weniger Chancen ein, sich in den Kreis der Besitzer der Kleinburg auf dem Schnellerts einzuordnen.

Für den Amtmann auf Schloß Reichenberg, der über Jahrzehnte immer dann zur Feder griff, wenn sich der „Landgeist“ auf dem Schnellerts vernehmen ließ, hätte es sicher keiner großen Umstände bedurft, die Geisterburg aufzusuchen und den Zustand des „uralten Schlosses“ genau zu beschreiben. Dieses Versäumnis wurde erst 110 Jahre später von dem in Brensbach geborenen Revierförster Hoffmann (2) nachgeholt.

Hoffmann, der vor seiner Forstlaufbahn vermutlich eine militärische Ausbildung absolvierte, baute in einer Art Kriegsspiel das Gebiet um Brensbach mit dem Schnellerts zur militärischen Sperrstellung „gegen den Gebirgsodenwald hin“ aus. In die so entstandene Sperrlinie sind die bei Brensbach liegenden vorgeschichtlichen Grabhügel, verdächtige Flurnamen und sich anbietende Geländeformen einbezogen. In der Flur „Steinmauer“ bei Nieder-Kainsbach wird eine ehemalige Anlage vermutet, die in Verbindung mit dem Schnellerts das Vordringen ins obere Kainsbach – und Gersprenztal verhinderte.

Hoffmann ist uns heute ein wertvoller Augenzeuge, da er seinem Bericht über die Ruine auf dem Schnellerts den größten Teil seiner Ausführungen einräumte:

„. . . In frühester Zeit und noch vor 15-20 Jahren war die Stelle bloß ein großer Hügel von Steinen, auf welcher starke Buchen standen. . . Durch die Sage, als der Ort eines Berggeistes wurde die Stelle viel besucht, weshalb solche auf besondere Anordnung dem Publikum zugänglich und angenehmer gemacht worden ist. . . „

Wer die Anordnung zur Einplanierung des Burgplatzes gegeben hat und was dabei herauskam, schildert Frau Lina Becker-Kredel. Sie läßt um 1930 ihren Vater in „Jugenderinnerungen eines alten Odenwälders“ (3) folgendes berichten:

„. . . Ich wurde im Jahre 1844 als jüngster Sohn des damaligen Bürgermeisters Kredel in Kirch Brombach geboren. . . Neben der Kirchweih gab es in meiner Jugend alljährlich noch ein Volksfest, das auf dem nahen Schnellerts abgehalten wurde. Mein Vater hatte dort einen geräumigen Platz planieren lassen; er ließ Tische, Bänke, Speisen und Getränke hinschaffen. So ging es an diesem Orte einst gar munter und vergnügt zu. . . Hier muß ich eines merkwürdigen Fundes Erwähnung tun. Mein Vater und meine Brüder fanden nämlich beim Ebnen des Platzes eine eiserne Ofenplatte mit dem Rodensteiner Wappen, sowie einen altertümlichen silbernen Sporen. . „

Die hier geschilderte und glaubhafte Überlieferung wird von Hoffmann nicht erwähnt, was die Bedeutung seiner weiteren Ausführungen, hier auszugsweise wiedergegeben, nicht schmälert: „. . .Als ich nach Verlauf einer Zeit von 25-30 Jahren diese Stelle am 22. Mai d.J. (1850) . . . mit Arbeitern versehen, um sie näher zu untersuchen, besuchte, fand ich den Steinhaufen verschwunden und eine gut konstruierte Ringmauer zutage gefördert. . . Die interessanten Überreste dieser Ringmauer mit einem Durchmesser von 115 Fuß Hess. Maßes von gutem Mörtel aufgeführt, zeigt deutlich die Ruine einer früheren Befestigung. Die noch stehende Mauer ist 6-8 Fuß hoch, 8 Fuß dick. . . Nach Südosten gegen das Gebirge hin befindet sich ein 10 Fuß breiter Eingang, an dessen beiden Seiten sich noch die bearbeiteten Sandsteine befinden, in welchen die Angeln eines hölzernen Tores gelaufen sind. . . Es fanden sich zwei bearbeitete Abweiser von Sandsteinen, wie man solche in Einfahrten setzt, nach Angabe des Finders (Unterförster Egli aus Stierbach) mitten in der Ruine im Schutt. . . Bei dem Wegräumen des Schuttes wurden von den Arbeitern (unzahlbaren Forstschuldnern) Pfeilspitzen und zwei Messer gefunden. Nach der Beschreibung waren dieselben 1 Fuß lang und 1 Zoll breit und die Pfeilspitzen 4-5 Zoll lang…

„. . .Aus allem was die Lage und die Beschaffenheit von dem Schnellerts zeigt, dürfte demselben eine feste Position römischen Ursprungs nicht abzusprechen seyn. . . „

Mit dieser Feststellung bringt Hoffmann seinen Bericht zum Abschluß, der mit den Aufzeichnungen von Frau Lina Becker-Kredel heute wertvolle Hinweise liefert. Mit der Meinung, daß der Schnellerts auf die römische Besatzungszeit zurückgeht, stand Hoffmann nicht allein. Erst der in Brensbach geborene Pfarrerssohn Professor Dr. Anthes (4) hat, nachdem er 1887 im Auftrag des historischen Vereins für den Volksstaat Hessen ebenfalls “ eine kleine Ausgrabung an den Trümmern“ vorgenommen hatte, erkannt, daß an römischen Ursprung nicht zu denken ist. Er fand Stücke von gotischen Fenstergewänden und Pfeilspitzen. Die Umfassungsmauer stand zu dieser Zeit stellenweise noch bis über einen Meter hoch aufrecht. So haben sie auch die um 1900 in den Dörfern um den Schnellerts geborenen Bewohner in Erinnerung.

Burg Schnellerts, Rekonstruktionsversuch von Fred Lehmann, Darmstadt

Als man sich 1975, im Jahr der Denkmalpflege anschickte, Erhaltungsmaßnahmen im Ruinengelände auf dem Schnellerts einzuleiten, waren diese Mauern verschwunden. Der Jahrhunderte alte, bequeme Steinbruch hatte bei Beginn der Bautätigkeit nach dem 2. Weltkrieg seine letzten Reserven geopfert.

Anmerkungen zu „Augenzeugenberichte“ :

l) Die Reichenberger Protokolle fielen 1944 dem Bombenangriff auf Darmstadt zum Opfer. Der Auszug „Glaubwürdige Nachricht eines in der Grafschaft Erbach sich befindenden Landgeistes“ mit den von C. L. Bock von 1743 – 1784 gemachten Aufzeichnungen über das Auftreten des Landgeistes sind 1864 von Ottmar Schönhuth in „Die Sage vom Ritter von Rodenstein und Schnellert als Herold des Krieges und des Friedens” veröffentlicht.

2) Johann Jacob Hoffmann wurde am 31.10.1782 in Brensbach als Sohn des Erbachischen Vogteischultheißen Johann Jacob Hoffmann (* 25.01.1755, +24.03.1785) geboren. Daten: Zunächst Kommunalförster in Brensbach, ab 20.07.1820 Übertragung des Reviers Allendorf mit Wohnsitz in Battenfeld, Versetzung nach Gundernhausen am 24.11.1823, ab 1824 Einsatz im neugeschaffenen Revier Roßdorf, wo er im dortigen Forsthaus auch nach seiner Pensionierung bis zu seinem Tode am 04.09.1858 wohnte. Am 7. September 1858 wurde er in seiner Heimatgemeinde Brensbach begraben. Sein Bericht über den Schnellerts wurde 1851 in Band 6 im „Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde“ veröffentlicht.

3) Lina Becker-Kredel, Ehefrau des Pfarrers von Ernsthofen hat um 1930 in mehrseitigen‚ bisher nicht veröffentlichten Aufzeichnungen u. a. auch diese Überlieferung festgehalten.

4) Professor Dr. Eduard Anthes, am 3. Juni 1859 in Brensbach geboren, war einer der bedeutendsten Denkmalspfleger und Heimatforscher seiner Zeit. Sein Lebenswerk zu skizzieren, würde den Rahmen dieser Anmerkung sprengen. Es verdient allein im Zusammenhang mit dem Schnellerts eine gelegentliche Veröffentlichung.