Heinz Bormuth, Schnellertsbericht 1977, S. 20-22.

Das Auftreten des Landgeistes im Erbachischen, von dem die Reichenberger Amts-Protokolle und später auch Zeitungen berichten, ist als Rodensteinsage in ganz Deutschland bekannt geworden. Dadurch wurde die Burg Rodenstein zum Mekka romantisch veranlagter Menschen, vor allem im vergangenen Jahrhundert.

Die Ruine Schnellerts, die Residenz des Geisterheeres in der unverfälschten Volkssage, ist dagegen nahezu in Vergessenheit geraten. Erst in letzter Zeit, fast in allerletzter Stunde, ist das Interesse für die geheimnisvolle, sagenumwobene Ruine oberhalb von Stierbach wieder geweckt worden. So ist es angebracht, die Rodensteinsage, in ihren, durch jahrhundertelange Aufzeichnungen, bekannten Wandlungen, zum Ursprung der Sage zurückzuverfolgen.

Man kann dank dieser Niederschriften deutlich drei Typen der Sage in zeitlicher Reihenfolge unterscheiden:

  1. die Sage vom Schnellertsherrn
  2. der Schnellertsherr zieht zum Rodenstein
  3. der Rodensteiner

Für den Urtyp, die Sage vom Schnellertsherrn, gibt es keine schriftlichen Belege. Er wird aber indirekt durch die Reichenberger Protokolle bestätigt.

Simon Daum, der Gewährsmann der ersten Niederschrift im Jahre 1742, berichtet, daß der „Schnellertsgeist“ vor Kriegs- oder anderen Gefahren vom Schnellerts zum Rodenstein reitet. Sitz des Geisterheeres ist eindeutig der Schnellerts. Der Rodenstein ist nur Fliehburg in Kriegszeiten, von wo der Geist nach Beendigung der Gefahr wieder zum Schnellerts zurückkehrt und dort ungesehen bis zum nächsten Auszug verharrt. Das Schwergewicht liegt also auf dem Schnellerts. Die Verbindung mit dem Rodenstein ist ein späteres Attribut der Sage, die in der Urform wohl bis in die Anfänge der Besiedlung unserer Heimat zurückgeht.

Erst nach dem Aussterben der Rodensteiner Familie und dem Zerfall ihrer Burg nach dem 30 -jährigen Krieg konnte der Rodenstein mit der Geistererscheinung in Verbindung gebracht werden. (1)

Dazu muß vermerkt werden, daß die Reichenberger Protokolle die Sage nicht in der Ausdrucksform der Landbevölkerung wiedergeben. Sie sind im Amtsdeutsch jener Zeit niedergeschrieben worden, so daß schon zu diesem Zeitpunkt Entstellungen des Urtyps der Sage denkbar sind. Etwa ab 1780 wird dann aus dem Schnellertsherrn der Rodensteiner, wohl unter dem Einfluß von Gelehrten, die sich um diese Zeit für die Sage interessierten.

Zwar blieb der Kern der Sage, der Auszug des Geistes bei Kriegs- und Notzeiten, erhalten, Sitz und Nebenumstände erscheinen aber romantisch und später, im Zeitalter der deutschen Einigungsbestrebungen, auch nationalistisch verbrämt.

Diese Spätform der Sage ist vornehmlich durch Viktor von Scheffel und seine Zeitgenossen in die Literatur eingegangen und hat ihr zur weiteren Verbreitung verholfen.

Mittelpunkt ist in allen Typen der Sage das Wilde Heer. Dieses Thema ist im gesamten, von germanischen Kultvorstellungen beeinflußten Raum weit verbreitet. Es ist uralt und geht im Ursprung sicherlich in die vorchristliche Zeit zurück. (2)

Die erste schriftliche Nachricht über das Auftreten des „Wilden Heeres“ als Kriegsankündigung finden wir im Jahre 1197 an der Mosel. Die „Wilde Heer“-Sagen anderer Landschaften verzeichnen ähnliche Entwicklungen wie die Rodensteinsage. In vielen Fällen wird auch dort der ursprünglich namenlose Führer des Geisterheeres in späterer Zeit durch eine historische Persönlichkeit ersetzt. So entsteht im südlichen Odenwald die Sage vom Lindenschmidt (3), in der Pfalz wird Franz von Sickingen zum Führer des Geisterheeres (wohl schon unter nationalistischem Einfluß), in Nordhessen die Grafen von Gleichen und im Markgräflerland der Graf von Habsberg. Die Aufzählung ist keineswegs vollständig.

Der Traum der Deutschen vom Einheitsstaat findet Ausdruck im Geisterheer, das unter Führung von Idealgestalten wie Hermann, Ariovist, Siegfried, Karl dem Großen u.a. dem Deutschen Reich zu Hilfe eilt, so wie der Rodensteiner der Spätsage zum Rhein zieht, um seinem Kaiser gegen den Erbfeind zu helfen. In dieser Form ist die Sage bis in unsere Zeit überliefert.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Rodensteinsage naturwissenschaftlich zu deuten. Besondere Luftströmungen im Kainsbachtal, Erdspalten, Erdbeben und andere Naturgegebenheiten wurden für die geräuschvolle Geistererscheinung verantwortlich gemacht. Keine dieser Erklärungen trifft den Kern der Sache, zumal das „Wilde Heer“, wie wir gesehen haben, auch in anderen Regionen auftritt. Die Wahrnehmungen des Geisterzuges ist nur im menschlichen Unterbewußtsein zu deuten (4).

Das Urbild der Sage liegt in vorchristlicher Zeit. Die naturverbundene Bevölkerung der Vor- und Frühgeschichte sah den Sitz ihrer Götter in den Bergen und Wäldern. Von dort zog der Donnergott mit großem Getöse durch die Luft, begleitet von Blitz, Donner, Sturm und Hagel. Hier in den Bergen sammelte aber auch der Totengott die Abgeschiedenen zum Totenheer.

Diese Vorstellung blieb im Unterbewußtsein der Menschen späterer Zeit erhalten, zumal das Christentum in seiner Anfangszeit die Existenz von Göttern und Dämonen nicht bestreitet, um den Christengott als Sieger über die zu Dämonen gewordenen Urgötter herauszuheben (vgl. Psalm 96‚V. 5). Die Übernahme von Überbleibseln versunkener Religionen als Aberglaube durch spätere Kultvorstellungen ist mehrfach zu beobachten. Der griechische Stamm unseres Wortes „Dämon“ bedeutet Gottheit (5).

Der mythisch veranlagte Mensch, der an Geistererscheinungen glaubt und in dessen Unterbewußtsein die Vorstellung von solchen Erscheinungen schlummert, kann es erreichen, sich die Halluzination einer Geistererscheinung zu suggerrieren (6). Dies ist, so glaube ich, des Pudels Kern. Ein Licht, ein Schatten, ein Geräusch läßt die unbewußte Bereitschaft zur Wahrnehmung des Geisterzuges lebendig werden; dies natürlich ganz besonders in einer Landschaft, wo die Erwartung des „Wilden Heeres“ schon mit der Muttermilch suggeriert wird. Damit ist auch gesagt, daß nur der mythisch veranlagte Mensch die Geistererscheinung empfinden kann.

Der Mensch unserer Zeit wird von anderen Dingen beunruhigt. Mit zunehmender Entfremdung von der Natur geht die Bereitschaft, mythische Erscheinungen wahrzunehmen, verloren. Das Zeitalter der Beherrschung des Menschen durch die Maschinen ist angebrochen. Ob dies der Rodensteiner überleben wird?

Literatur:

1) Theodor Meisinger: Der Rodensteiner, Darmstadt 1954

2) Oswald A. Erich und Richard Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 1974

3) Lindenschmidt, ein berüchtigter Räuber, wurde 1490 in Baden hingerichtet.

4) Friedrich Mösinger: Die Sage vom Rodensteiner, Mainz 1962

5) Joseph Schopp: Verzauberte Welt, Mythische Welt, Gießen 1967

6) Alfred Lehmann: Aberglaube und Zauberei, Stuttgart 1925, Neudruck 1967