Wolfram Becher, Schnellertsbericht 1977, S. 12-19.

Nach den ältesten bekannten Bezeugungen der Sage vom Rodensteiner als Schnellertsherrn, den sogenannten „Reichenberger Protokollen” aus den Jahren 1742 bis 1764, pflegte der „Landgeist“ bei nahender Kriegsgefahr  mit gespenstischem Getöse vom Schnellerts herab durch die Scheuer des Haalhofs nach dem Rodenstein zu ziehen, nicht ohne, wie damals zusätzlich ausgesagt wurde, in Brensbach in einem alten Hause aufzutauchen, das früher den Echtern von Mespelbrunn gehörte, und anschließend noch in Fränkisch Crumbach vorzusprechen. Kam Friede in Sicht, zog er auf gleichem Wege wieder heim in den Schnellertsberg.

Für einen Geist war das doch eigentlich ein ziemlich wunderlicher, zweimal gezackter Umweg! Offensichtlich ist er schwer in Einklang zu bringen mit den mannigfaltigen, physikalischen Ausdeutungsversuchen durch Luftströmungen, Unwetter in Trichtermündungen enger Täler, geologische Bewegungen im Verwerfungsbereich verschiedener Gesteinsformen oder gar durch das Rauschen gewaltiger Vogelschwärme. Mit den später in romantischer Ausschmückung daraus entwickelten Gruselgeschichten, mit Wotans unheimlicher, nächtlicher Jagd, mit germanischen Männerbünden, den unerlösten Seelen der ewig Unvollendeten und allem anderen mythologischen Zauberspuk hat dieser merkwürdige Weg des „Landgeistes “ schon gar nichts zu tun.

Viel eher liegt hier eine Parallele zu jenen berühmten „unterirdischen Gängen“ vor, die von Burgen oder Klöstern zu oft weit entfernten anderen Orten geführt haben sollen, und hinter denen sich zuallermeist eine in die Sage hineinvabulierte Erinnerung an alte Rechts- oder Besitzverbindungen verbirgt.

Geht man hiervon aus, so bietet sich dem geschichtlich etwas bewanderten Freund der Odenwaldlandschaft ein auffallendes Bild: Die der Gersprenz entlang, südlich von Groß-Bieberau aufwärts führende Siedlungskammer, eigentlich eine Tasche der Reinheimer Bucht, erscheint durch eine unverhältnlsmäßig große Zahl von festen Stützpunkten des Mittelalters eingerahmt: Otzberg, Schnellerts, Beerfurther Schlößchen, Reichenberg, ganz im Süden die Burganlage auf dem “Alten Köpfchen“ bei Lindenfels, der Rodenstein, die Vorgänger-Befestigung an der Stelle von Kirche und Schloß in Fränkisch-Crumbach, die, weil namensgebend für ihr Herrengeschlecht, mit Sicherheit bestanden hat, vielleicht noch zu ergänzen durch den befestigten Kirchhof in Wersau. Ferner gab es urkundlich nachgewiesene Adelshöfe in Brensbach und in Nieder-Kainsbach, ein durch eine Flurbezeichnung überliefertes „Daubhaus“, worunter man ebenfalls einen kleinen Adelssitz zu verstehen hat.

Die Sichtverbindung im oberen Gersprenztal nach einer Zeichnung von Wolfram Becher

Die gängige Territorialgeschichte weist nun aber alle diese Burgen und burgähnlichen Anlagen ganz verschiedenen Herrschaftsbereichen zu: Den Otzberg dem Kloster Fulda und den Pfalzgrafen, den Schnellerts der Herrschaft Breuberg, das Beerfurther Schlößchen den Schenken und späteren Grafen von Erbach, desgleichen Vorbesitzerschaft angenommen wird. Das ”Alte Köpfchen“ bei Lindenfels ist noch ganz ungeklärt. Ein enger Zusammenhang mit der mächtigen Veste Lindenfels selbst, die der Hauptstützpunkt der pfälzischen Macht im Odenwald war, muß wohl bestanden haben. Wersau und auch die Oberlehnsherrschaft über die Burg Rodenstein gehörten den Grafen von Katzenelnbogen auf Lichtenberg. Brensbach und Nieder-Kainsbach erscheinen ursprünglich als Bestandteile der fuldisch-pfälzischen, zu Umstadt gehörigen Herrschaft Habitzheim, als deren erste Inhaber die Edelherren von Bickenbach bekannt sind. Nur die Herrschaft Fränkisch-Crumbach bleibt bis zum Ende des Alten Reichs 1806 freier reichsritterschaftlicher Besitz in der Hand der rodensteinischen Erben, zuletzt als Ganzes bei den Freiherren von Gemmingen-Hornberg. Diese kleine Herrschaft hatte auch im Hohen Mittelalter, soweit wir sehen, niemals zu den großen Macht-und Besitzkomplexen der Reichsklöster Fulda und Lorsch gehört, deren weitgehend erhaltene urkundliche Eigenüberlieferung auch die gesamte Geschichte hierzulande vielfach nur als in ihrem Sinne verlaufen erscheinen läßt. Das außerdem aber dazwischen hier die Edelherren von Crumbach und ihr länger überlebender Seitenast, die Herren v. Rodenstein, einst eine besondere, eigene Rolle gespielt haben müssen, hat vor hundert Jahren erstmals wohl Freiherr Schenk zu Schweinsberg archivarisch begründet herausgestellt. In den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts ist Elisabeth Kleberger in ihrer „Territorialgeschichte des hinteren Odenwaldes“ dieser Spur weiter nachgegangen und in den letzten Jahren haben Veröffentlichungen von W.Wackerfuß‚ A. F. Wolfert und Hans H. Weber sowie einige Aufsätze des Verfassers dieser Zeilen noch weitere, frühe Zusammenhänge aufgedeckt.1)

Daraus ergibt sich heute aber bereits die Erkenntnis, daß alle die genannten „festen Häuser“ weniger etwa als „Gegenburgen“ der umliegenden, sich verfestigenden Territorialherrschaften errichtet worden zu sein scheinen, als vielmehr die Vermutung, daß sie allesamt der ursprünglich einen Herrschaft der „nobiles de Crumbach“ zugeordnet waren und auch sämtlich kurz vor oder in der Stauferzeit von ihnen oder ihren Vasallen errichtet worden sein dürften. Strategisch deckten sie das gesamte obere Gersprenztal und damit das Herzstück eines bequemen Zugangs von der südlichen Bergstraße (Heidelberg und Weinheim) zum nördlichen Vorland des Odenwaldes um die Zentralpunkte Dieburg und Groß-Umstadt.

Dem widerspricht nicht, daß der Otzberg, – oder besser gesagt: der ”Hering“ – aufgrund seiner natürlichen Lage bereits seit unvordenklichen Zeiten unter anderen strategischen Zielsetzungen befestigt gewesen sein muß, wie solches mit einiger Wahrscheinlichkeit auch für den Reichenberg angenommen wird. Beide Namen scheinen ausgesprochene Burgnamen gewesen zu sein, die jünger waren, als die ihnen zugeordneten Siedlungen Hering und Reichelsheim, so wie die Starkenburg jünger als Heppenheim war und die Burg Lichtenberg jünger als Ober- und Niedernhausen, jedoch älter als das auf die Höhe gezogene Burgstädtchen Lichtenberg. So waren natürlich auch die Burgen Lindenfels, Klingenberg und Freudenberg älter als die nach ihnen benannten „Unterstädte“ (lateinisch „suburbia“). So scheint auch die romanische Grundanlage der heutigen „Veste Otzberg“ schlichtweg nach ihrem damaligen Erbauer, einem Otto oder Otho, genannt worden zu sein. 2) Bei solcher, wie es uns scheint, nüchternen, aber sachlichen Sicht verlieren freilich alle mythologischen Phantastereien von einem ehemaligen „Odinsberg“, wie sie auch heute noch in der Heimatjournalistik gelegentlich herumgeistern, jeglichen Boden.

Es widerspricht einer solchen Sicht auch nicht, daß man als Initiator zur Errichtung der Burg Otzberg ziemlich allgemein den Pfalzgrafen Conrad von Staufen, den Stiefbruder Kaiser Barbarossas ansieht, weil er neben der Hochvogtei über die Reichsabtei Lorsch, die ihm als Erbe zugefallen war, auch die Vogtei über die fuldische Mark Umstadt in seine Hand gebracht haben soll. Gerade von seiner neuerbauten Pfalzresidenz Heidelberg aus mußte er dann am gesicherten Zugang durch das Gersprenztal ein besonderes Interesse gehabt haben. Daß er sich dabei der örtlichen Unterstützung durch alten, reichstreuen Adel bediente, wird man schwerlich als unmöglich bezeichnen können. Der Vorname Otto ist in den uns bekannten, späteren Geschlechterfolgen der Herren von Crumbach mehrfach nachgewiesen. Bei der in die gleiche staufische Epoche zu setzenden planmäßigen Stadtgründung von Groß-Umstadt (wohlgemerkt: das ist nicht die Gründung der uralten Siedlung Umstadt, sondern ihre strukturelle Ausgestaltung zur (civitas“ !) müssen die Crumbacher durch Stellung und Besitz maßgeblich mitbeteiligt gewesen sein. Das dortige „Rodensteiner Schloß“ beweist es.

Vieles spricht dafür, daß in mindestens zwei Geschlechterfolgen die Familie auch die kaiserlichen Vögte in Seligenstadt gestellt hat. So dürfte z.B. ein neuerdings in einer Seligenstädter Urkunde für Kloster Bronnbach 1214 als Zeuge ermittelter „Fridericus advocatus“ ein Crumbacher und damit wohl der bisher seinem Namen nach unbekannte Vater der im 13. Jahrhundert vielfach bezeugten sechs Brüder Heinrich, Rucker, Otto, Conrad (mit dem Zunamen Vitulus = Kalb), Rudolf und Friedrich gewesen sein, von denen sich die beiden  Jüngsten ab 1256 nach ihrer neuerbauten Burg „de Rodenstein“ nannten. In Altdorf, der Vorsiedlung von Babenhausen, waren noch bis in die Neuzeit hinein die „v. Rodenstein“ Patronatsherren. Einige Crumbacher, und zwar die Nachkommen des genannten Otto, waren auch Inhaber der Vogtei über das um 1200 gegründete Augustinerinnenkloster Höchst a. d. Mümling, trugen dieses Amt jedoch zu Lehen von den Pfalzgrafen, was uns durch die Zeitstellung dieser Gründung auf eine enge Verbindung zu Pfalzgraf Conrad oder seinen Schwiegersohn und Nachfolger, Pfalzgraf Heinrich II. Wolf, hinweist.

Wenn wir dann den in einer 1208 auf Burg Lindenfels für das Kloster Schönau ausgestellten pfalzgräflichen Urkunde als Zeuge fungierenden (doch wohl pfälzischen) Schenken Heinrich von Crumbach ebenfalls zu unserer hier behandelten

Das Wappen von Otto von Crumbach nach seinem Siegel 1256

Das Wappen von Otto von Crumbach nach seinem Siegel 1256

Familie rechnen (was schon Walther Möller ohne nennenswerten Widerspruch getan hat), erkennen wir die sehr enge Beziehung zu Pfalzgraf Heinrich noch deutlicher. Da um die gleiche Zeit ein großes Stück crumbachischen Besitzes vermutlich durch eine Heirat in die Hände der Herren von Erbach gelangt sein muß, wozu als Kernpunkt der Burgberg über Reichelsheim gehörte, bleibt bis zum exakten Gegenbeweis die Vermutung berechtigt, daß hierbei auch der pfälzische Schenkentitel mit an dieses Haus gekommen ist und daß die Erhöhung Gerhards I. von Erbach (vor 1223) zum königlichen Schenken am Hofe des unmündigen Heinrich VII. nur eine vorübergehende Angelegenheit gewesen ist.

Einen besonders deutlichen Hinweis auf Rang und Stellung der Herren v. Crumbach liefert schließlich ihr von mehreren erhaltenen Siegeln bekanntes Wappen. Der gespaltene Schild zeigt auf der heraldisch linken Seite einen quergestellten, geschachten Sparren (wohl das eigentliche Familienwappen, es könnte vielleicht sogar ein“redendes “ Wappen sein!), auf der rechten Seite aber einen halben Adler, den wir als Symbol für die Inhaberschaft eines Reichsamtes ansehen dürfen, vermutlich der kaiserlichen Vogtei über Seligenstadt.

Das Wappen von Rudolf von Rodenstein nach seinem Siegel 1256

Das Wappen von Rudolf von Rodenstein nach seinem Siegel 1256

Die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts muß für die noch im vollen Fluß befindliche Ausgestaltung einer „Herrschaft“ Crumbach, die das ganz obere Gersprenztal im weitesten Sinne umfaßte, schwerwiegende Beeinträchtigungen gebracht haben. Schon vorher mag der Brensbach-Nieder-Kainsbacher‚ zu Fulda gehörige Lehnsbesitz zusammen mit Habitzheim den Bickenbachern zugefallen sein. Als Indiz für einstige, crumbachische Vorbesitzerschaft kann man unter anderem die Eigenschaft von Georgenhausen als rodensteinischer und bis zum Ende des Alten Reiches reichsritterschaftlicher Besitz ansehen. Als zweiten Verlust kann man die schon erwähnte Abspaltung im Süden um Reichelsheim zugunsten der Schenken von Erbach betrachten.

Besonders einschneidend wirkte sich der erzwungene Wechsel in der Pfalzgrafschaft im Jahre 1214 aus. Der Welfe Heinrich wurde abgesetzt und seine Stelle nahm Ludwig I, Herzog von Bayern aus dem Hause Wittelsbach ein. Das dürfte zunächst allein schon der crumbachischen Position im fuldischen Umstadt (einschließlich Otzberg) geschadet haben. Als dann nach der Aufhebung der Reichsabtei Lorsch im Jahre 1232 deren umfangreicher Besitz im Odenwald und seiner Nachbarschaft zum Zankapfel zwischen den mächtigen Mainzer Erzbischöfen aus dem Hause Eppstein und den wittelsbachischen Pfalzgrafen als Vogtei-Erben wurden, kam der gesamte Raum über hundert Jahre lang nicht zur Ruhe. Der fuldische Einfluß wurde dabei immer schwächer. Die Odenwaldteile der alten Großmark Umstadt mussten schon in der zweiten Hälfte des 12.Jahrhunderts, anscheinend als Mitgift oder Erbschaft, an eine andere Familie gekommen sein, wobei man an die nur kurze Zeit urkundlich in Erscheinung tretenden Herren v. Dieburg denken darf, die ebenfalls einen geschachten Sparren in ihrem Wappen führten. Wohl bis 1220 schon gingen dann die beiden Odenwaldzenten Höchst und Kirch-Brombach (Letztere damals noch bis zum Lohbach bei Kirch-Beerfurth reichend!) einschließlich der Burg Breuberg, vermutlich ebenfalls durch einen Erbgang an die Herren Reiz von Lützelbach über, die sich seitdem Herren von Breuberg nannten.

Alte crumbachische Rechte in der Zent Höchst, z. B. das genannte Vogteirecht über das gleichnamige Kloster, sowie der allodiale Grundbesitz der Herren von Rodenstein über Rimhorn lassen die ursprünglichen Besitzer noch erkennen. Damals also muß auch der Schnellerts an Breuberg gekommen sein. Eine solche Sicht der Zusammenhänge bedingt allerdings, daß man die Erbauung der Burg auf dem Schnellerts, wie immer sie geheißen haben mag, rund 50 Jahre früher ansetzen sollte, als es der Verfasser in seinem Aufsatz im „Schnellertsbericht 1976“ (S. 19) getan hat, mit anderen Worten: in die ersten 20 Jahre des 13. Jahrhunderts.

Es ist wohl auch nicht zu verkennen, daß der, erst durch die Restaurierungsarbeiten des letzten Jahres in seiner ganzen einstigen Größe erahnbar gewordene klotzige Bergfried seine strukturelle Ähnlichkeit mit seinen größeren Brüdern auf den Burgen Lindenfels (noch durch den bekannten Merianstich vorstellbar) und Otzberg (jedem noch als „Weißrüb“ bekannt) nicht verleugnen kann. Zu der Hochhausen-Theorie des Verfassers aus dem letzten Jahresbericht sei hier nur erwähnt, daß bereits 1228 ein Volknand von Hochhusen urkundlich als Sippenverwandter einer Bensheimer Ministerialenfamilie genannt ist, die aller Wahrscheinlichkeit nach etwas mit der Familie der alten Herren v. Crumbach zu tun hat. 4)

Die hier aufgezeigte, buchstäbliche Zerfledderung ihrer bis um etwa 1200 aufgebauten Herrschaft in den folgenden Jahrzehnten zwang auch die niederadligen Angehörigen ihres sicher beachtlichen Lehnhofs, sich in die Vasallität der jeweils neuen Herren zu begeben. Als bekanntestes Beispiel zu erwähnen sind die „Echter“, die, über Dienste bei den Schenken von Erbach, im 15. Jahrhundert schließlich von Mainz jene Wüstung „Am Espelborn“ im Spessart erhielten, auf der sie ihr Wasserschloß Mespelbrunn errichteten.

Nicht beschäftigt haben wir uns hier mit den wohl erst nach 1250 einsetzenden Territorial- und Rechtsverlusten nach Westen zu an die Grafen von Katzenelnbogen auf Lichtenberg, worüber bei Elisabeth Kleberger einigermaßen ausführlich berichtet ist. Freilich gibt es auch in diesem Bereich noch manche ungeklärte Frage, z. B. die Gründung (?) des Höhendorfes Neunkirchen als Ort einer „Neuen Kirche“ erst nach 1200. Uns kam es hier darauf an, das burgenumsäumte obere Gersprenztal einmal in seiner ursprünglichen Einheit als politisches Kraftfeld in der Stauferzeit ins Bewußtsein der Gegenwart zu bringen. Die kleine allodiale Restherrschaft Fränkisch-Crumbach in der Hand der Herren von Rodenstein war offensichtlich nur ein übriggebliebener Landfetzen.

Ob es der ursprüngliche, namengebende Ansitz der Familie war, ist auch keineswegs erwiesen. Der urkundlich Erste, Magenes de Crumpach (1150) nannte sich kurz zuvor (1142 u. 1148) noch Magenes de Lindenveles und er scheint ein Verwandter des Billung von Lindenfels gewesen zu sein. Die Vorfahren der „Nobiles de Crumpach“ müßten eigentlich schon im 11./12. Jahrhundert urkundlich in Erscheinung treten. Man sollte sich vielleicht einmal unter den früh verschollenen edelfreien Familien der südlichen Bergstraße etwas näher umsehen. Die genealogisch-historische Forschung ist so wenig abgeschlossen wie die archäologische: neue Gesichtspunkte und verfeinerte Forschungsmethoden können auch heute noch jederzeit neue Erkenntnisse bringen.

Zu solcher Arbeit gehört freilich auch der Mut zur Arbeitshypothese. Das wurde im Schnellertsbericht des vergangenen Jahres für die spätmittelalterliche Geschichte der Schnellerts -Burg auf eine fast waghalsige Art versucht. Im Rückblick darauf läßt sich ein Jahr später sagen: Vermutlich hat die vorgelegte Darstellung den tatsächlichen geschichtlichen Zusammenhang ziemlich genau getroffen.

Diesmal sollte der eigentliche geschichtliche Kern der Rodenstein-Schnellertssage sichtbar gemacht werden. Von der hier aufgezeigten Leitlinie aus lassen sich mit Sicherheit noch wesentliche, neue Einzelerkenntnisse gewinnen. Das Aufspüren und Herausfischen von Urkunden aus den durchweg sorgsam verwalteten Archiven ist vergleichsweise ebenso mühsam wie die archäologische Arbeit mit Hacke, Spaten und Meßband. Da helfen weder die berühmten „Alten Leute“, die ihre Kenntnisse meist ihrem Lehrer oder bestenfalls ihrem Großvater verdanken, der die Geschichten auch nur von seinem Großvater kennt, noch hilft eine Anfrage bei irgendwelchen, wenn auch noch so gut bestückten Archiven; sie können nur das als Auskunft geben, was andere bereits – mehr oder weniger anerkannt – zu Papier gebracht haben. Wer mehr wissen will, darf die Mühe und das Risiko des eigenen Irrtums nicht scheuen. Und er muß sich in der Landschaft umschauen. Denn ihr Gesicht ist von den vergangenen Geschlechtern mitgeprägt worden.

Wir meinen: was sich in den Machtwirren der Stauferzeit um 1200 und danach hier im Gersprenztal abgespielt hat, war maßgebend verquickt mit dem Schicksal einer damals bedeutenden Familie, von der später nur noch die Ritter vom Rodenstein bis ins 17. Jahrhundert fortlebten. Wenn sie, von Burg zu Burg reitend, ihr riesiges Gefolge sammelten, gab es Krieg, erst wenn sie heimkehrten, konnte der Bauer auf friedliche Zeiten hoffen. Diese Erinnerung hat wohl weitergelebt und sich mit möglicherweise ganz alten Sagenüberlieferungen verknüpft. In der alten Schultheißenfamilie in der Haal 5), d. h. des einstigen Burgweilers Hausen, scheint, diese dunkle Überlieferung besonders lebendig geblieben zu sein, sodaß sie im 18. Jahrhundert – vielleicht unter dem Einfluß ungewöhnlicher Witterungserscheinungen – zum amtlichen Protokoll drängte; womit die Sage vom Landgeist auf dem Schnellerts, der eigentlich der Rodensteiner ist, überhaupt erst in die literarische Welt der Neuzeit eintrat. Wonach sie dann ihr bekanntes, bis heute keineswegs abgeschlossenes Eigenleben begann.

Anmerkungen:

1) Frhr. Schenk zu Schweinsberg im Archiv für Hessische Geschichte (AHG) Bd. 13, S 543 ff. E. Kleberger: Territorialgeschichte des Hinteren Odenwaldes, 1958

W.Wackerfuß: Die Billunge von Schlierbach/Lindenfels in der Sonderveröffentlichung des Breubergbundes 1972, S. 303 ff.

A. F.Wolfert: Die Wappen der edelfreien Familien des Odenwald-Spessart-Raums in der Stauferzeit, ebda. S. 77 ff.

W. Becher: Mittelalterliche Städtegründungen im und am Odenwald, ebda. S. 285 ff.

ders. Eine Urkunde zur Geschichte der Herren von Crmbach/Rodenstein in „Der Odenwald“ 1971, H. 3, S. 71 ff.

ders. Lindenfels, ein Knotenpunkt der frühen Territorialgeschichte des Odenwalds, in „Der Odenwald” 1973, H. 1, S. 3 ff auch in „Lindenfelser Hefte“ 1,1973, S. 9 ff.

ders. Die Herren von Büdingen und ihre Beteiligung an der Stadt .. gründung von Dieburg, AHG (NF) 32, 1974, S. 81 ff

H. H.Weber: Lindenfels – das Bild der Stadt in Vergangenheit und Gegenwart, „Lindenfelser Hefte“ 2, 1975, bes. S. 28 ff.

ders. Die Wehranlage auf dem ”Alten Köpfchen“ über Lindenfels in „Der Odenwald“ 1975, H. 3, S. 75 ff.

2) So auch bei Karl Schumacher, aus ”Odenwald und Frankenland,” 1929, S. 99 ff. Die älteste bekannte Namensform ist „Othesberg“ (1231), Bayerisches Haupt-Staatsarchiv, München, Kurpfälzische Urkunden Nr. 1104

3) General-Landes-Archiv Karlsruhe, Wertheimische Urkunden Nr. 42

4) Gudenus, Sylloge…., 1728, Bd. I, S. 125

5) G. Dascher, Schnellertsbericht 1976, S. 21 ff.