Georg Wagner, Schnellertsbericht 1977 S. 10-11.

Der Hauch des Geheimnisvollen treibt den Menschen immer wieder an, den Dingen auf den Grund zu gehen. Dies gilt im wahrsten Sinne des Wortes auch für das Geheimnis um den Schnellertsberg, dessen Geschichte man durch Grabungen immer wieder zu ergründen versuchte. So wird bereits im 19. Jahrhundert von mehreren Heimatforschern auf dem Schnellertsberg gegraben, ohne daß ein Zipfel des Geheimnisses gelüftet worden wäre. Eines dürfte jedenfalls ganz sicher sein: lukrative Schätze, von denen in den Sagen die Rede ist, sind gewiß im Schnellertsberg nicht verborgen.

Auch im Jahre 1972 haben zwei junge Leute auf dem Schnellertsberg gebuddelt, ohne dazu befugt gewesen zu sein. Man muß nämlich wissen, daß das Freilegen von Altertümern gesetzlich geregelt und an bestimmte Auflagen gebunden ist. Wer die gesetzlichen Bestimmungen umgeht, gerät in die Gefahr, in die Kategorie der „Raubgräber“ eingeordnet zu werden.

Durch das energische Eingreifen von Heimatforschern wurde verhindert, daß der Schnellerts heute zu einem Eldorado von Raubgräbern geworden ist, die eher durch romantisch verbrämte Vorstellungen von der Suche nach verborgenen Schätzen motiviert werden als durch wissenschaftliche Methoden, nach denen verschiedene Zeugnisse vom Leben in der Vergangenheit freigelegt und systematisch ausgewertet werden.

Durch die Gründung der Forschungsgemeinschaft Schnellerts e.V. (FGS) im Jahre 1976 ist nun heute die Gewähr gegeben, daß unter wissenschaftlicher Führung solide und präzise Sicherungsarbeiten durchgeführt werden, die einzig und allein den Zweck verfolgen, vergangenes Leben auf dem Schnellertsberg möglichst wirklichkeitsgerecht zu rekonstruieren. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: wie und wann haben die Menschen, die den Schnellertsberg bewohnten, wirklich gelebt?

Die Schnellerts-Ruine steht in privatem Eigentum. Mit dem Einverständnis des Eigentümers und dem Landesamt für Denkmalpflege des Landes Hessen ist die FGS auf dem Schnellerts tätig. Die Funde fallen in das Eigentum des Besitzers, der sich aber verständnisvoll bereit erklärt hat, diese zur wissenschaftlichen Auswertung der FGS zur Verfügung zu stellen.

Eine wissenschaftliche Ausgrabung ist nur möglich, wenn alle unter der Erde verborgenen Gegenstände, auch wenn sie noch so unbedeutend erscheinen, lückenlos erfaßt und alle Fundumstände peinlich genau beobachtet werden. Wie bei einem Mosaik ergibt sich erst aus den vielen Einzelheiten und Einzelteilen das Gesamtbild.

Leider müssen die FGS-Leute gelegentlich feststellen, daß während ihrer Abwesenheit Unbefugte sich an den Baustellen zu schaffen machen und dort Profile und Schichten, die zur wissenschaftlichen Auswertung unbedingt erfaßt werden müssen, gedankenlos zerstören. Funde, die diesen Raubgräbern in die Finger fallen, werden anschließend oft gedankenlos irgendwo auf dem Schnellerts weggeworfen, so daß man nicht mehr feststellen kann, an welcher Stelle sie entdeckt wurden.

Für eine exakte Befundaufnahme ist es äußerst wichtig zu wissen, wo die Fundstücke freigelegt wurden. Jeder Einzelfund ist ein historisches Dokument. Seine Aussagekraft ergibt sich mehr aus dem Fundzusammenhang als aus ihm selbst. Hinter den Funden verbergen sich Menschen, die vor mehr als 600 Jahren auf dem Schnellertsberg in einer bestimmten gesellschaftlichen Struktur, in einer technischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwelt lebten.

Jeder störende Eingriff von Raubgräbern stellt eine schwerwiegende Störung der wissenschaftlichen Arbeit der vielen freiwilligen Helfer der FGS dar, die Woche für Woche viele Stunden ihrer kostbaren Freizeit für die archäologische Erschließung menschlicher Vergangenheit einsetzen. Sie haben nur einen Wunsch: künftig von jeder Art von Raubgräberei verschont zu bleiben.

Ruine Schnellerts Stand 1. August 1977

Ruine Schnellerts Stand 1. August 1977 von Dipl. Ing. H. Schneider