Heinz Bormuth, Schnellertsbericht 1976, S. 24-26.

Am Westhang des Schnellertsberges, wenige Schritte unterhalb des Zugangs zur Burg, finden sich auf einer Steinplatte eigenartige Vertiefungen, die von der einheimischen Bevölkerung mit dem Wilden Heer in Verbindung gebracht werden. Die Haalbauern erzählen, dort sei der Schnellertsherr begraben und auf dem Stein sehe man die Hufspuren seines Pferdes.1) Auffallend ist, daß so aufmerksame Bearbeiter der Sage wie Friedrich Mössinger 2) und Th. Meisinger 3) nichts von diesen „Dappen“ wußten. Auch Bergengruen scheint, als er in der Umgebung des Schnellerts den Erzählungen der Alten lauschte, nichts von dieser Variante der Sage erfahren zu haben, denn sie wäre für eine literarische Darstellung der Sage besonders reizvoll gewesen.4)

Steinerne Spuren überirdischer Wesen werden in vielen Sagenlandschaften gezeigt. Am bekanntesten ist wohl die Roßtrappe im Harz, wo man auf einem Felsen im Bodetal die Hufabdrücke eines Pferdes sieht, das nach einem Riesensatz über eine Schlucht dort aufsprang und dadurch seiner von Unholden verfolgten Reiterin das Leben rettete. Hufabdrücke sollen auch auf einem Stein bei Ober-Beerbach abgebildet sein. Nicht von Pferde- sondern von Menschenspuren ist am „Mägdesprung“ im Harz, am Schuckstein bei Heubach und am Wildfrauenstein bei Groß-Bieberau die Rede. Sehr oft werden Felseindrücke als Teufelskrallen verstanden, so am Herrgottsberg bei Darmstadt, an den Teufelsfelsen bei Heppenheim und Laudenbach (Deiwelsdrappen) und am Scharljoch in Südtirol. Dies ist natürlich keine vollständige Aufzählung.

Alle diese steinernen Spuren finden sich in Landschaften, die durch ihre morphologischen Gegebenheiten derartige Erklärungssagen herausfordern. Oft läßt sich als Inspiration der Sage noch das Vorhandensein anderer Ursachen feststellen, wie Hügelgräber, Ruinen etc. Dies gilt für den Herrgottsberg, wo, neben Hügelgräbern in der Nachbarschaft, die Erinnerung an die mittelalterliche Wallfahrtskirche erhalten ist. Auch am Schucksteinkopf gibt es Hügelgräber und nahebei die Reste des Wamboldter Schlößchens. Bei Ober-Beerbach sind noch die Wälle einer geheimnisvollen Burganlage zu sehen und bei Heppenheim finden sich vorzeitliche Bestattungen. Am Scharljoch schließlich, einem alten Alpenpaß, wurden jungsteinzeitliche Relikte gefunden. Der Teufelsstein am Scharljoch gilt deshalb als Schalenstein. Schalensteine haben, insbesondere um die Jahrhundertwende, die interessierte Öffentlichkeit beschäftigt. Ich erinnere an den Streit um die „Heidnische “ Kultschale“ am Köppche bei Lindenfels, den damals ein Wiesbadener Arzt entfachte und der zu temperamentvollen Auseinandersetzungen mit den Fachgelehrten seiner Zeit führte. (Auch am Köppche sind Reste einer ungeklärten Burganlage zu finden 5). Eine Vielzahl der damals entdeckten Schalensteine ist heute eindeutig als Naturerscheinung erkannt. Die heidnische Opferschale am Köppche ist längst vergessen. Dort aber, wo Steine tatsächlich als Schalensteine akzeptiert werden, kann die Wissenschaft bis jetzt keine einhellige Erklärung für ihre Bedeutung geben. Mit Sicherheit dienten sie in vorgeschichtlicher Zeit kultischen Zwecken. Allerdings fand F. B. Jünemann am Schalenstein von Dransfeld mittelalterliche Wetzrillen und Keramik, die darauf hinweisen, daß noch im hohen Mittelalter an diesem Stein kultische Handlungen vorgenommen wurden. 6) Mit unseren „Dappe“ haben diese Schalen nichts zu tun. Sie sind eindeutig künstliche Vertiefungen im Stein und zudem durch vorgeschichtliche Funde belegt. Ich glaube nicht, daß die „Dappe“ am Schnellerts künstlich angebracht wurden, etwa um den Rodensteiner sichtbar zu machen. Die Spur eines Hufeisens oder eines Fußes hätte auch ein ungeübter Steinmetz besser gestalten können.

Was aber sind nun unsere „Dappen“? Wer die Odenwaldlandschaft aufmerksam durchwandert, dem werden immer wieder Steine auffallen, die durch ihre Form die Phantasie anregen. Erratische Blöcke in der Gestalt von Menschen ( Wilde Männer) oder Tieren oder Bauwerken (Wildfrauenhaus), ebenso Verwitterungsspuren im Stein, die ganz erstaunliche Bilder hervorrufen können. Dies gilt für den kristallinen Odenwald ebenso wie für den Sandstein-Odenwald. Im kristallinen Odenwald mögen die Schalen von Groß-Bieberau und Lindenfels als Beispiele genügen. Aus dem Sandstein-Odenwald soll auf die Steine am Feuchten Brünnchen verwiesen werden, wo eindeutig als Naturerscheinungen erkannte Veränderungen des Steines vom Volksmund als Darstellung eines pflügenden Bauern angesehen werden.

Die Sage berichtet von einem Landmann, der dort wegen Mißachtung des Feiertages mit seinem Gespann in den Boden versank. Wer den Stein einmal gesehen hat, wird mit etwas Phantasie den pflügenden Bauern erkennen und Verständnis für das Zustandekommen der ätiologischen Sage haben.

Auch die Dappe am Schnellerts sind wahrscheinlich natürliche Verwitterungserscheinungen, wie sie die Natur an vielen Steinen im Odenwald vollbracht hat. Die meisten werden nicht beachtet. Dort aber, wo besondere Gegebenheiten, wie sie vorstehend geschildert wurden, hier die sagenumwobene Ruine Schnellerts, stimulierend wirken, werden aus solchen Erscheinungen Abdrücke überirdischer Wesen.

Mit diesem rationalistischen Deutungsversuch sollen die Dappe nicht hinweggewischt werden. Zumindest für die Ober-Kainsbacher sind sie – was aus der traditionellen Verbundenheit zur Sage erklärlich ist – heute Bestandteil des Sagengutes vom Wilden Heer, einerlei, wann und wie sie dazu geworden sind.

Anmerkungen.

1) Die offenbar nur den Haalleuten bekannte Sage lautet: “Der letzte Schnellertsherr ist dicht unterhalb seiner Burg bei der Hirschjagd vom Pferd gestürzt und dort begraben worden. Auf der Steinplatte sind die Hufspuren seines Pferdes zu sehen“.

Die Sage ist sicherlich nicht sehr alt. Sie erklärt die eigenartigen Vertiefungen des Steines bei der Burg Schnellerts, wobei die Umstände des Todes der Sagenfigur der Geschichte der Rodensteiner entlehnt sind. Übrigens wollen Wünschelrutengänger in der Nähe der Steinplatte acht Gräber festgestellt haben.

(Die Bezeichnung der Abdrücke als „Dappen“ wird vom Verfasser verwendet. Sie entstammt nicht der Erzählung der Gewährsleute).

2) Friedrich Mössinger: Die Sage vom Rodensteiner; Mainz 1962

3) Th. Meisinger: Der Rodenstein; Darmstadt 1954

4) Werner Bergengruen: Das Buch Rodenstein; Zürich 1950

5) Hans H. Weber: Die Wehranlage auf dem alten Köpfchen über Lindenfels; in: der Odenwald, Heft 3/75

6) O. Höckmann: Der“Altarstein“am Hengelsberg bei Dransfeld in: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen  Denkmälern, Band 16

Weitere Nachweise zu den „Steinernen Spuren“ siehe: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens; Berlin 1936/37 Band VIII, Seite 891, Stichwort: Stein II.