Georg Dascher, Schnellertsbericht 1976, S. 21-23.

Unter dem Begriff „die Haal“ versteht man in Ober-Kainsbach drei Höfe, deren Feldflur an der Gemarkungsgrenze in der untersten Tallage an Stierbach, Nieder-Kainsbach und Gersprenz anstößt. Man unterscheidet die Haalmühle, die Obere- und die Untere Haal.

Die Haalmühle, 1854 – nach Aufhebung des Mühlbanns – noch als Knochenmühle mit Triebwerk für Kreissäge, Hobelmaschine und Drehbänken zum Herstellen von Schachteln für Zündhölzer geplant, wird am 23. Mai 1862, nach Setzung des Eichpfahls, als Mahlmühle mit zwei Mahlgängen, einem Schälgang und der berechneten Kraft von 3,67 Pferdestärken ihrer Bestimmung übergeben. Der Müller war nur geringfügig mit landwirtschaftlicher Nutzfläche aus der Oberen Haal ausgestattet und stellte den Mahlbetrieb vor dem zweiten Weltkrieg wieder ein. Von der Mühle blieb nur der Name erhalten. Die Obere Haal ist eine nach dem Erbacher Landrecht zulässige Einspännerabtretung der Unteren Haal aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts .

Der Unteren Haal blieb so ein Resteigentum von etwa 20 ha Nutzfläche. Sie ist ohne Zweifel eine der ältesten Bauernhöfe im oberen Kainsbachtal und soll hier im Zusammenhang mit der Kleinburg auf dem Schnellerts näher betrachtet werden.

Mit der 773 erfolgten Schenkung der Mark Heppenheim an das Kloster Lorsch blieb das Gebiet der späteren Mark Rodenstein, Reichelsheim, das Ostertal und Ober-Kainsbach mit den beiden Gersprenz weiterhin Kronland. Das nach der Grenzbeschreibung von 795 dem Kloster Lorsch nicht zugängliche Gebiet wird auch 815, in der Schenkungsurkunde der Mark Michelstadt nicht berührt. Wie das Kloster Fulda zu dieser Zeit im Südwestbereich seiner Berechtigungen die Grenzen nach diesem Gebiet hin absteckte, ist nicht klar erkennbar.

Eine deutliche und für unser Gebiet bedeutsame Grenze wird 200 Jahre später, im Jahre 1012 festgelegt. Am 12. Mai schenkt Heinrich ll. dem Kloster Lorsch den Forstbann im Odenwald. Ab Laudenau bezieht der Forstbann das bis dahin dem klösterlichen Einfluß entzogene Gebiet der heutigen Großgemeinde Reichelsheim mit dem Ostertal und Ober-Kainsbach mit den beiden Gersprenz mit ein. Die spätere Mark Rodenstein bleibt weiterhin unberührt und im Bereich der Haal gibt uns die Grenzbeschreibung ein Rätsel auf. Klar und deutlich zeigt das Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch den Grenzverlauf an „. . . Lutenaha (Laudenau) – Eberbach – Gaspanza (Gersprenz) – Abbatisbach (?) – Cuningesbach (Kainsbach) – Birkenhardt . . . “ Was war Abbatisbach? Simon vermutet in seinem Buch „die Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach“ das heutige Dörfchen Stierbach. Diese Auslegung mißachtet die Reihenfolge der Grenzpunktaufzählung und fordert schon kurz nach 1012 eine völlige Namensänderung für das heutige Stierbach, das schon 200 Jahre später urkundlich in der heutigen Schreibweise genannt wird.

In der Flurkarte Ober-Kainsbach von 1857 ist im Bereich der Haalhöfe unter Flur 304 „Der Dorfbrunnen“ und unter 305 „Die Dorfgasse“ eingetragen. Diese Flurbezeichnungen waren sicher keine Erfindung der Landvermesser von 1857, sondern überlieferte Begriffe aus alter Zeit, zumal zu dieser Zeit die beiden Haalhöfe längst abseits der 1838 erbauten Straße Nieder Kainsbach – Spreng lagen und der ehemalige Verbindungsweg nach Gersprenz über die Haalhöhe bedeutungslos geworden war.

Geben diese beiden Flurnamen Hinweise auf ein ausgegangenes Dorf Abbatisbach im Bereich der Haal, von dem nur ein Hof aus alter Zeit erhalten blieb?

In den Zentablösungs -Rentakten Ober-Kainsbach nimmt die Haal eine Sonderstellung ein, man spricht von der „Haalgemarkung“. 11.12.1844: „Von dem dem Hause Löwenstein-Rosenberg zugehörigen Ganzischen und Jahnischen Zehnten in der sogenannten Haalgemarkung . . . stehen dem Herrn Fürsten von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg l/2, dem Grafen zu Erbach-Schönberg l/4 und dem Grafen zu Erbach-Fürstenau l/4 zu. . . „. Die Haal wird also noch in den Zehntablösungs-Rentakten des vorigen Jahrhunderts deutlich von den übrigen Höfen in Ober-Kainsbach getrennt, obwohl sie mit ihren Liegenschaften heute kompakt in die Gemarkung eingefügt ist. Die alteingesessenen Bewohner von Ober-Kainsbach sprechen heute noch vom Haalfeld und mit den „Haalleids“ sind die Leute aus der Unteren Haal gemeint. Die Haalleute stellten ab 1634 den ersten für Ober-Kainsbach nachweisbaren Schultheiß, dessen Amt über Generationen in der Familie blieb. Sie haben glaubhaft überliefert, daß der Abschlußstein mit der Jahreszahl 1582 über einem ehemaligen Kellereingang in einem Nebengebäude auf ihrem Hof vom Schnellerts stamme.

Die Haalleute gingen ab 1743 zum Reichenberg und gaben dort dem Amtmann zu Protokoll, wenn der Geisterzug vom Schnellerts durch ihren Hof zum Rodenstein aus oder in den Schnellerts wieder einzog, „so, wie es die Alten gar viele malen vernommen“. Die Haalleute waren Gewährsleute der Romantiker des vorigen Jahrhunderts, wenn sie ihr Wissen um den Schnellerts und sein Geisterheer bereitwillig zur Verfügung stellten und später entstellt wieder lesen konnten. Für die eingesessenen Bewohner im Kainsbachtal bleibt die Haal an den Schnellerts gebunden, auch wenn die Romantiker den Schnellertsherrn nach dem geschichtlich greifbaren Rodenstein umziehen ließen. Die Haal bleibt Bestandteil der Ursage:“ Wenn das Geisterheer vom Schnellertsberg zum Rodenstein zieht, öffnet der Haalbauer beim Herannahen die Scheunentore in seinem Hof, damit die Geister ungehindert passieren können“ und „als der Haalbauer einmal die Scheune abbrechen und an ihrer Stelle eine Mauer errichten ließ, hat das Geisterheer dieselbe gleich dreimal wieder umgeworfen.“

Hier sind in die Volkssage Rechte und Pflichten der Haalleute und der Herren vom Schnellerts einbezogen, die urkundlich nicht faßbar sind.

Die Haal gibt es jedoch nicht nur hier im Kainsbachtal. In Alsbach in Rheinhessen liegt am Ortsrand im Nordwesten des Dorfes, zu den aufsteigenden Weinbergen hin, die Flur Obere und Untere Haal. Alsheim ist eine frühfränkische, 884 schonerwähnte Siedlung mit römischen Spuren. Im Bereich des Auerbacher Schlosses an der Bergstraße gibt es ebenfalls die Flurbezeichnung „Hahl“. Nicht weit davon entfernt liegt Reichenbach, dort geht nach der Sage die Hahlfrau im gleichnamigen Wiesengrund um. Griesheim mit seinem fränkischen Gräberfeld hat eine Hahlgartenstraße. Die hier aufgeführten Beispiele sind reine Zufallsbegegnungen und bezeugen, daß das Wort Haal oder Hahl im alten Sprachgebrauch Verwendung fand, ohne daß wir es heute deuten können.Vielleicht kämen wir mit der Haal und ihren Leuten auf dem Weg zum Schnellerts weiter, wenn es uns gelingen würde, dem geheimnisvollen Namen auf die Spur zu kommen.