Über die sagenumwobene Burg Schnellerts im Odenwald gibt es noch immer keine urkundlichen Hinweise. Ihr geschichtlicher Zusammenhang erschließt sich bisher nur aus archäologischen Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts und aus der Forschungsgeschichte des „Schnellerts“ seit dem 18. Jahrhundert.

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Der Schnellertsherr mit seinem Wilden Heer

Was dieser Ruine zu überregionaler Berühmtheit verhalf, ist die Sage vom mysteriösen „Schnellertsgeist“, der im Innern des Burghügels seine Behausung hat. Er zog mit seinem „Wilden Heer“ immer dann geräuschvoll und unsichtbar aus dem Berg aus und durch die Lüfte, wenn dem Reich Gefahr drohte, und kehrte erst dann wieder ebenso geräuschvoll zurück, wenn diese Gefahr vorüber war.

Exemplarisch sei hier das Protokoll der 1. Befragung auf dem Reichenberg des Bauern Simon Daum  vom Haalhof, unterhalb des Schnellerts gelegen, vom 28. August 1742, wiedergegeben:

„Sein Vater seelig, welcher Jeremias Daum geheißen, seye  des  Orts  Schultheißen geweßen, und ein alter Mann geworden, haben diesen Geister-Zug vom Schnellerts und wieder zurück  gar vielmahlen gehöret, und es hernachmahlen wieder erzehlet, Deponent könne auch auf sein gut Gewissen sagen, daß er  dieses Weeßen gar vielen, vom Schnellarts  auf- und abziehen hören, aber noch niemalen nichts gesehen, es bestünde allezeit  in einem  großen Getöß und Geräusch, gleich vielem Fuhrwerk, Pferden und dergleichen, es komme gemeiniglich eine Stunde nach eingetrettener Nacht oder eine Stunde vor Tag, gerade durch Deponentens Hof, und zwar zu der Zeit, wann Kriegs- und Völker-Marchen sich ereignen wollten.

Wie dann sogar es zu damahlen als der König von Preußen vor 2 Jahren den Krieg in Schlesien angefangen, gar eigentlich gehöret, daß es vom Schnellarts ab- und nach dem Rodenstein gezogen, es seye zu der Zeit ein halbes Jahr außen geblieben, und hernach wieder zurück gezogen, und wie der jezige Kayser Carl VII zu Anfang dieses Jahrs in Frankfurt gekrönet worden, seye es wieder abgezogen, aber gleich und zwar nach zweyen Tagen schon wieder zurückgekommen, vorjezt aber, und bei dermaligem March der französischen Hülffs-Völker /: welche allbereit, und zwar heute bey Aschaffenburg stehen:/ habe Deponent nicht das geringste vernommen, ohnerachtet es soch sonsten und in vorigen Zeiten – wann zumahlen Krieg am Rhein geweßen, sich alle Zeit vermerken lassen.Sogar, habe es wie gemelt schon vielmahlen, und das letzte auch seine Frau gehöret.

Wie der letztere Krieg am Rhein gewesen, habe es ein halb Jahr zuvor sich schon hören lassen, und wie dieser Krieg sich geendiget, seye es auch gleich wieder zurückgezogen. Wann es sonsten abziehe und gleich wieder zurück komme, hätte es nichts zu bedeuten, alleine wann es lange außen bleibe, so wäre es gar nicht gut, und mithin Krieg zu besorgen, wie er solches auch von vorgedachten seinem Vatter seel, oft und vielmahlen gehöret habe. Dieses seye also die gewiße Wahrheit, welches Deponent erfordtrenden fallß eydlich betheuren könnte, es wüßtens auch noch mehrere Leute, und sonderlich seine um ihn herum wohnenden Nachbarn eben so zu erzählen.

Da es nun an dem, daß noch mehrere Personen von dieser Geister-Geschichte zu deponiren vermögend, man aber ohnnöthig erachtet, einerley Relation mehrmalen zu wiederhohlen, also hat man es bey diesem bewenden lassen, und solches nur Nachricht aufnotiret. So geschehen Reichelsheim am 28.Aug. 1742.                                                                                              Georg Philipp Wittich  derzeit Amtmann alhier“

 Schnellerts-Sagen

Wolf, Johann Wilhelm, Hessische Sagen, Leipzig 1853

Auf der Böllsteiner Höhe im Odenwald ist ein Bergvorsprung, den man »Schnellerts« nennt. Im Mittelalter stand dort eine Burg. Jetzt sind nur noch wenige Ruinenreste vorhanden. Diese Burg ist in der Sage viel verbunden mit einer andern Feste des Odenwalds, dem »Rodenstein.« Die Odenwälder erzählen, daß in den Trümmern der Schnellertsburg ein Geist hause, der immer, wenn vom Rhein her ein Krieg drohe, sich rege und mit großem Gefolge, lärmend wie der wilde Jäger, nach dem Rodenstein abziehe. Sobald die Kämpfe vorüber seien, kehre der Geist mit großem Getöse wieder nach dem Schnellerts zurück. Eine Ballade Josefine Scheffels, der Mutter des bekannten Dichters. J. V. von Scheffel, weiß darüber zu berichten:

Horch auf, was klirrt an Riegel und Gruft?
Was zischt und sauset durch die Luft?
Das muß der wilde Jäger sein,
Er zieht vom Schnellert zum Rodenstein,
Hussa, zum Rodenstein.

Im Schnellert, da schlief er manch ein Jahr,
Reibt sich nun wieder die Augen klar.
Die Friedensburg steht öd und leer,
Der Jäger zieht mit dem Geisterheer,
Zieht mit dem Geisterheer.

Er reitet voran auf schwarzem Roß,
Hallo! wie saust ihm nach der Troß!
Es rauscht und spricht – es pfeift und knallt,
Daß drob ertönt der Odenwald,
Der weite Odenwald.

Der Jäger auf dem Rappen fein,
Das ist der Ritter von Rodenstein.
Und wenn er durch die Lüfte fegt,
Ist,s Zeit, daß man die Schwerter regt,
Daß man die Schwerter regt!

In der schlichten Volksüberlieferung aber wird der Ritter meist »Schnellertsherr« genannt. Von ihm erzählt die Sage:

Viele Wanderer, die den Schnellerts bestiegen, hörten dort einen lieblichen Gesang, und zwar waren es gewöhnlich Kirchenlieder, die sie vernahmen. Diese Töne schienen aus dem Berg zu kommen, doch ist es nie jemand gelungen, in das Innere des Berges zu dringen.

Oft krähte auf dem Gipfel des Berges, da, wo die Ruinen der Burg sich erheben, dem Menschen unsichtbar, der Hahn, und dieser ungewöhnliche Schrei auf Bergeshöhen hat schon manchen sehr erschreckt. So waren einmal Leute zu einer Holzversteigerung droben versammelt, und eben bot der Förster eine Fuhre aus, als der Hahn krähte. Großer Schrecken fuhr den Bietern in die Glieder, im Nu war der Platz leer, und selbst der Förster hatte nicht den Mut zu bleiben.

Ein Förster in Stierbach erwartete eines Tages seinen Vorgesetzten zu einem forstlichen Geschäft. Da tiefer Schnee lag und der Oberförster lange auf sich warten ließ, glaubte der Förster zuletzt, sein Vorgesetzter werde nicht kommen, und ging nach Hause. Dort schaute er noch ein paarmal durch das Fenster, von dem aus man eine Seite des Berges übersehen konnte, und bemerkte endlich einen Reiter der auf dem gewöhnlichen Burgweg ritt. Im festen Glauben, es sei der Oberförster, warf der Förster die Büchse um und eilte dem Reiter entgegen. Doch zu seinem größten Erstaunen sah er ihn nicht mehr, fand auch nicht die geringste Spur eines Pferdehufes im Schnee. So blieb für ihn kein Zweifel, daß er den Berggeist vom Schnellerts gesehen habe.

Eine Frau aus der Haal, einem Hof in der Nähe des Schnellerts ging spätabends noch außerhalb des Hauses umher. Da kam es ihr vor, als ob sie jemand stark anhauche. Als sie sich umschaute, bemerkte sie, daß sie unter dem Hals eines Pferdes stand, auf dem ein Reiter saß. In ihrer Angst betrachtete sie weder Pferd noch Reiter näher, sondern lief in die Stube zurück. Hier sagten ihr die Hausleute, es habe soeben dreimal derart an einen Pfosten geschlagen, daß die Fenster klirrten. Dies pflege der Schnellertsgeist zu tun, wenn er durch die Haal fahre. Als die Leute herausliefen, gewahrten sie nichts mehr, hörten aber am andern Morgen, wie der Geist, vom Rodenstein kommend, auf den Schnellerts zurückfuhr.

Die Hofreite in Brensbach, durch die der Geist aus dem Schnellerts seinen Zug genommen haben soll, liegt im oberen Teil des Ortes. Der Besitzer der Hofreite, durch dessen Scheuer der Berggeist zu ziehen pflegte, beabsichtigte einmal, am Morgen vor Tagesanbruch über Feld zu fahren. Er bat daher seine Frau, sie möge früh aufstehen, um ihm sein Frühstück zu bereiten. Als er dann am andern Morgen auf dem Weg zum Pferdestall durch die Küche ging, sah er zu seiner Verwunderung ein großes Kohlenfeuer auf dem Herd.

Nachdem er die Pferde gefüttert hatte, mahnte er seine Frau, jetzt aufzustehen, da sie noch Feuer genug auf dem Herd habe. Als aber die Frau aufgestanden war und die Morgensuppe kochen wollte, fand sie keinen Funken Feuer mehr vor. Die frische Glut, die der Bauer gesehen hatte, stammte von dem wilden Heer, das in der Nacht in der Küche gewirtschaftet hatte. Es war gar nichts Seltenes, daß die Geister nachts in diese Küche einkehrten, Kessel über das Feuer hingen und kochten, weiters auch Schüsseln und Teller nahmen und Mahlzeit hielten.

So trieb es der wilde Geisterzug zwischen Schnellerts und Rodenstein lange Jahre, und das Volk weiß noch heute manches darüber zu erzählen.